Prinzipien des gewaltlosen Widerstands in der Kindererziehung - Anleitung für Eltern

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Thema: Erziehung

Personen / Institutionen: Arist von Schlippe Haim Omer

04.04.2017, letzte Aktualisierung am 17.05.2017
Autorität ohne Gewalt: Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen. »Elterliche Präsenz« als systemisches Konzept. Diese Anleitung für die Hand von Eltern, Verwandten, Lehrern und Nachbarn ist eine praktische Hilfe für die Durchführung der Methode, die Haim Omer und Arist von Schlippe in ihrem Buch ausführlich dargelegt haben.

Diese Anleitung für die Hand von Eltern, Verwandten, Lehrern und Nachbarn ist eine praktische Hilfe für die Durchführung der Methode, die Haim Omer und Arist von Schlippe in ihrem Buch ausführlich dargelegt haben.

Diese hier veröffentlichte Zusammenfassung des Buches „Autorität ohne Gewalt“ ist eine Veröffentlichung des Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen. Wir bedanken uns bei dem Verlag für die Erlaubnis der Veröffentlichung auf moses-online.de.

1. Einführung

Aggressive oder übermächtige Kinder und Jugendliche stellen für Eltern ebenso wie für professionelle Therapeuten und Berater eine große Herausforderung dar. Exzessive Polemik, Ungehorsam, Missachten und Ablehnen von festgelegten Regeln, Zornausbrüche, Wut, Widerstand und eine Neigung zur Rachsucht sind Eigenschaften, die ein solches Kind charakterisieren.

Eltern stellen fest, dass ihr Repertoire an Bewältigungsstrategien, selbst wenn es von Fachleuten vorgeschlagen wurde, für eine Lösung des Problems nicht passt oder nicht ausreicht. Sie machen die Erfahrung, dass das Kind, je mehr sie schreien, drohen und strafen, sein Verhalten nur noch massiver fortsetzt und seine Reaktionen verschärft. Wenn die Eltern aber den Forderungen des Kindes nachgeben, wird es noch weitere und größere Forderungen stellen. In einem solchen Fall wird das Zuhause, das einen Bereich der Sicherheit und Geborgenheit für alle Familienmitglieder darstellen soll, zu einem bitteren Schlachtfeld des Eigensinns, auf dem sich Eltern und Kinder ständig bekämpfen. Jede kleine Auseinandersetzung oder allein eine Diskussion birgt die Gefahr einer extremen Eskalation.

Wenn ein solcher Zustand längere Zeit andauert, erschöpfen sich die Eltern, sie werden nachgiebig. Es ist nicht verwunderlich, dass sie dann bald kapitulieren, um ein wenig Ruhe zu haben. Allerdings zeigt uns die Erfahrung, dass die Erleichterung, die ein solches Nachgeben mit sich bringt, nur von kurzer Dauer ist. Man kann sehr schnell beobachten, wie die Kapitulation zu einer Expansion der Forderungen des Kindes führt. Dieser Prozess kann sich verselbstständigen, er wird mächtig und beschleunigt sich.

Trotz ihrer endlosen Bemühungen werden viele Eltern dann daran mitwirken, dass dieser Prozess sich zu folgendem Kreislauf entwickelt:
Kapitulation, Verstärkung der Forderungen des Kindes, verstärkte Feindseligkeiten der Eltern gegenüber dem Kind, Feindseligkeit des Kindes als Reaktion gegenüber den Eltern und so weiter und so fort. In einem solchen Kreislauf werden alle Handlungen des Kindes und der Eltern zunehmend von Gewalttätigkeit beherrscht.

Man muss hier zwischen zwei Arten der Eskalation unterscheiden:

1. Feindseligkeit, die Feindseligkeit fördert. Wir nennen sie wechselseitige Eskalation;
2. Feindseligkeit, die Kapitulation fördert. Wir nennen sie komplementäre Eskalation.

Wenn das Kind etwas verlangt und wenn sein Wunsch nicht erfüllt wird, kann das Verhalten des Kindes eskalieren (z. B. es schreit, tobt, droht und schlägt als Reaktion). Die Eltern reagieren dann entweder mit Nachgiebigkeit oder sie versuchen, ihre Autorität mit Gewalt durchzusetzen. Bedauerlicherweise treiben beide Reaktionsmuster der Eltern das Kind an, die Eskalation fortzuführen: Eine wechselseitige Eskalation geschieht, wenn Eltern ihre Autorität mit Gewalt durchsetzen wollen. Eine Konfrontation dieser Art kann zu verstärkten Ausschreitungen des Kindes oder zu noch extremeren Forderungen führen. Eine komplementäre Eskalation geschieht, wenn die Eltern dem Kind gegenüber nachgeben und ihm die Botschaft vermitteln, sie seien zu schwach und unfähig, seinen Ausbrüchen standzuhalten. So kann man beobachten, dass je stärker und mächtiger das Kind wird, die Eltern desto schwächer werden.

Unglücklicherweise ergänzen sich beide Eskalationsarten: Wenn die Eltern nachgiebiger werden, fühlen sie sich frustrierter und geraten leichter in Wutausbrüche. Mit dem Stärkerwerden der Wutausbrüche gegeneinander und der zunehmenden Verängstigung steigt die Bereitschaft der Eltern zur Kapitulation. In einer solchen Atmosphäre der ständigen Eskalation können die Eltern ihre Liebe zum Kind immer weniger zum Ausdruck bringen und schließlich gar nicht mehr empfinden.

2. Der gewaltlose Widerstand (GLW)

Wir verwenden hier den Begriff des gewaltlosen Widerstands, da wir diesen als effizientes Instrument ansehen, das die Eltern befähigen soll, die Gewalt des Kindes zu blockieren, ohne weitere Eskalationen zu verursachen. Das Ziel ist die Wiederherstellung der Verbindung zum Kind und das Wiedererlangen eines Zustands, in dem die Eltern ihre Rolle als Eltern und das Kind seine kindliche Rolle wieder annehmen können. Nur dann kann eine häusliche Atmosphäre entstehen, in der sich die Nähe und Liebe zum Kind zum Ausdruck bringen lassen.

Nach unserer Definition umfasst gewaltloser Widerstand eine Reihe von Handlungen, die dem Kind die folgende Aussage deutlich machen: »Ich kann so nicht weiterleben in diesem Zustand, und ich habe vor, alles Mögliche zu tun, um ihn zu verändern – außer dich verbal oder physisch zu attackieren.« Mit dem GLW meinen wir die absolute Enthaltung von jeglicher Kraftausü¬bung, von verbaler oder physischer Gewalt, mit der das Kind besiegt werden soll. Des Weiteren meinen wir die absolute Enthaltung von allen Handlungen, die das Kind beleidigen oder demütigen sollen.

Gewaltloser Widerstand lässt sich durch folgende Prinzipien charakterisieren:

  • Hartnäckigkeit und Standhalten gegenüber aggressiv gestellten Forde¬rungen sowie die Bereitschaft, alle Maßnahmen zu unternehmen, um schädlichen Handlungen des Kindes vorzubeugen.
  • Die absolute Bereitschaft, auf physische oder verbale Gewalt zu verzichten, der Verzicht auf Schläge, Flüche, Drohungen oder Beschuldigungen.
  • Der Versuch, eine Lösung zu finden, in der das Kind sich weder gedemütigt noch besiegt fühlt.
  • Die Bereitschaft, bei körperlichen Auseinandersetzungen sich nur zu verteidigen, also Schläge abzuwehren und nicht zurückzuschlagen, soll der Beruhigung des Konflikts dienen.

Damit soll ein Gleichgewicht erreicht werden, das es den Eltern ermöglicht, ein höheres Maß an elterlicher Präsenz und Kontrolle über die Handlungen des Kindes an den Tag zu legen. Ziel und Zweck des GLW ist, dass die elterliche Autorität wiederhergestellt und aufgebaut wird. Wir glauben, dass elterliche Präsenz das wichtigste stabile Fundament für den Aufbau eines neuen Beziehungssystems mit dem Kind ist. Die Autorität der Eltern beruht nicht darauf, dass sie physisch stärker sind als das Kind, sondern auf ihrer Entschlossenheit und der Bereitschaft, mit und neben ihm präsent zu sein.

Je mehr Sie Ihre elterliche Präsenz verstärken und sie aufbauen, desto größer werden die Chancen, dass Ihr Kind seine gewaltsamen Verhaltensmuster aufgibt und sich die Beziehung mit ihm wieder auf einer dialogischen Basis gestaltet. Mit GLW lässt sich das Eskalationspotenzial gering halten.

3. Die Prinzipien des Nicht-Hineingezogenwerdens und des Aufschubs

Um die vielen Eskalationen mit Ihrem Kind zu verhindern und mit ihm ein neues Beziehungssystem aufbauen zu können, das nicht auf endlosen Machtkämpfen basiert, sollten Sie überflüssige Konflikte vermeiden. Das Kind seinerseits wird weiterhin die Konfrontation mit Ihnen suchen, Konfrontationen, die zur »Alltagssprache« in Ihrem Haus geworden sind.

Sein Verhalten liegt nicht etwa darin begründet, dass es »schlecht« wäre oder eine »psychische Störung« hätte, sondern es hat Eskalationsgewohnheiten entwickelt: Sein Verhalten eskaliert immer dann, wenn sein Wunsch oder seine Vorstellung nicht in Erfüllung geht.

Man kann vermuten, dass es auch bei Ihnen Gründe für Ihr Eskalationsverhalten gibt, dass Sie vielleicht eine »kurze Zündschnur« haben, die Ihnen ein ruhiges Reagieren in einer Auseinandersetzung erschwert und Sie zu einem Kontrollverlust bringt.

Eltern, die sich häufiger in Auseinandersetzungen mit ihren Kindern hineinziehen lassen, neigen dazu, viel zu reden, zu predigen, zu diskutieren, zu drohen, zu entschuldigen, zu rechtfertigen, zu schreien, zu überzeugen und sich zu revanchieren.

Ein typischer Ablauf:

  • Du gehst nicht!
  • Ich gehe doch!
  • Ich sagte, du gehst nicht!
  • Du kannst mir nicht sagen, was ich tun soll.
  • Solange du in meinem Haus wohnst, wirst du dich nach den Regeln dieses Hauses richten!
  • Ich frage dich nicht (knallt die Tür laut zu).

Am Ende führt das Kind seinen Willen aus. Sie bleiben wütend und erschöpft zurück, und der Konflikt hat sich verschärft. Häufiger führen Ihre Versuche, zu erklären, zu überzeugen, zu predigen und zu debattieren, zu einem totalen Ignorieren seitens des Kindes. Das Kind antwortet Ihnen nicht, ignoriert Ihre Präsenz, verlässt bei Ihrem Eintreten das Zimmer, was Sie macht- und hilflos erscheinen lässt.

Das Drohen beinhaltet Bedingungen, die in der Regel nach der folgenden Struktur geäußert werden: »Wenn du das und das machst, dann werde ich dies und jenes machen.«

Hinweis:

  • Jede dieser Reaktionen bedeutet ein Hineingezogenwerden.
  • Jede dieser Formen des Hineingezogenwerdens führt zur Eskalation!

Hinweis:

  • Zu viel zu reden ist eskalierend.
  • Zu viel zu reden resultiert aus der Hilflosigkeit.
  • Äußerungen eines klaren Verbots Ihrerseits führen zu weniger Eskalationen als Ihre Versuche, zu überzeugen, zu predigen und zu debattieren.

Hinweis:

  • Einem übermächtigen Kind Bedingungen zu stellen, um eine gewünschte Handlung zu erreichen, führt zu der Gefahr, dass sich die Eskalation weiter verschärft. Es antwortet dann immer mit neuem Stellen von Bedingungen.
  • Bei solchen Kindern ist alles Stellen von Bedingungen (wenn … dann) zu vermeiden.
  • Vermeiden Sie das Hineingezogenwerden, das Schreien, das Predigen.

Das Prinzip, sich nicht hineinziehen zu lassen, wird ergänzt durch das Prinzip des Aufschubs. Der Gedanke, man müsse auf jede Provokation des Kindes sofort reagieren, ist grundlegend falsch.

Damit dies vom Kind nicht als Kapitulation interpretiert wird, können Sie etwa sagen: »Das gefällt mir nicht, und ich will darüber nachdenken.« Der Satz soll als nüchterne Tatsache ausgesprochen werden und keinerlei Drohung beinhalten. Das Schweigen ist das Zeitintervall, in dem Sie das Kind seine Munition verschwenden lassen.

Das Schweigen ohne Kapitulation ist stärker als jede Predigt oder Diskussion. Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihr Schweigen werde vom Kind als Ausdruck der Hilflosigkeit aufgenommen, die das Kind ausnutzen werde. Das ist nicht der Fall. Das Schweigen macht ihm deutlich, dass Sie mit ihm nicht mehr kooperieren, dass Sie seine Einladungen zur Konfrontation nicht mehr annehmen. Sie wollen mit ihm eine andere Sprache sprechen, nicht mehr die Sprache des Predigens oder von Sieg und Niederlage.

Um die neue Art des Redens mit dem Kind zu finden, muss das Schweigen erst gelernt werden. Das Schweigen bedeutet jedenfalls nicht, sich vom Kind zurückzuziehen oder den Kontakt mit ihm zu vermeiden.

Beide Prinzipien – das Nicht-Hineingezogenwerden und den Aufschub – sollten Sie in einer schwierigen Situation im Umgang mit Ihrem Kind anwenden. Wiederholen Sie sich immer wieder in aller Ruhe den Satz: »Ich lasse mich nicht hineinziehen … ich lasse mich nicht hineinziehen …« Diese Prinzipien sind der Schlüssel zum Erfolg eines Sit-in.

4. Das Sit-in

Eine der kraftvollen Aktionen des gewaltlosen Widerstands, die von Eltern durchgeführt werden können, ist das Sit-in. Es ermöglicht den Eltern eine massive Präsenz, ohne hineingezogen zu werden. Das Sit-in ist eine Demonstration der ruhigen Präsenz, die eine stabile, kraftvolle Haltung vermittelt, mit dem Zweck, ihrem Kind einen entschiedenen Beschluss zu vermitteln, dass Sie nicht bereit sind, mit seinen gewaltsamen Handlungen zu leben.

Hinweis:

  • Schieben Sie Ihre Reaktion auf! Nehmen Sie sich Zeit, um Ihre Reaktion zu planen!
  • Im Zweifelsfall schweigen und nicht reagieren. Schweigen ist keine Kapitulation !

Die Durchführung eines Sit-in:

Gehen Sie in das Zimmer des Kindes, wenn es sich dort befindet – zu einem Zeitpunkt, den Sie ausgesucht haben. Das Eintreten soll nicht unmittelbar nach einer aggressiven Auseinandersetzung oder gewalttätigen Handlung stattfinden, sondern mehrere Stunden oder sogar einen Tag später. Wichtig ist die Planung des Eintretens: Nehmen Sie sich Zeit und Ruhe; Sie sollten nicht unter Zeitdruck stehen oder andere Angelegenheiten gleichzeitig regeln wollen. Schließen Sie die Zimmertür hinter sich und setzen Sie sich hin, so dass das Kind schlecht das Zimmer verlassen kann.

Wenn Sie sich hingesetzt haben, sagen Sie ihm: »Wir können dein Verhalten nicht mehr ignorieren und wollen damit nicht mehr weiter leben.« Dann benennen und beschreiben Sie das jeweilige nicht akzeptierte Verhalten des Kindes (sagen Sie ihm ein oder zwei Beispiele): »Wir sind hereingekommen, um eine Lösung für das Problem zu finden. Wir bleiben hier sitzen und warten auf deinen Vorschlag, wie du dein Verhalten ändern willst.«

Danach bleiben Sie ruhig sitzen und warten auf den Vorschlag des Kindes. Die Vorschläge, die es eventuell macht, hören Sie sich ruhig an und wägen sie ab. Wenn das Kind mit Vorwürfen antwortet (»mein Bruder ist der Schuldige, nicht ich!«), mit einem Verlangen (»kauf mir einen Fernseher, dann höre ich auf!«) oder mit Drohungen (»ich werde von zu Hause weglaufen«), lassen Sie sich nicht provozieren! Sie sollen sich nicht hineinziehen lassen! Sagen Sie ihm, dass Sie seinen Vorschlag nicht akzeptieren können, und bleiben Sie weiter ruhig sitzen. Vermeiden Sie jeglichen Vorwurf, alles Predigen, Bedrohen oder Diskutieren. Warten Sie ruhig und geduldig und lassen Sie sich in keinen Kampf hineinziehen, weder in einen verbalen noch in einen körperlichen. Entschlossenheit, Geduld und Ruhe vermitteln die Botschaft von Kraft und Stabilität.

Wenn das Kind einen positiven Vorschlag gemacht hat, kann man das Zimmer mit einer positiven Bemerkung verlassen und deutlich machen, dass man vorhat, dem Vorschlag eine Chance zu geben. Wenn das Kind keinen Vorschlag macht, bleiben Sie eine Stunde lang sitzen und verlassen Sie dann das Zimmer, ohne zu drohen, Sie würden zurückkehren. Sie können eine Aussage machen: »Es ist noch keine Lösung gefunden.«

Wichtige Gesichtspunkte

  1. Die Eltern sollen ihr Eintreten in das Zimmer planen.
  2. Sie sollen das unerwünschte, problematische Verhalten genau definieren. Die Botschaft darf nicht zu allgemein sein wie zum Beispiel: »Wir verlangen, dass du dich gegenüber uns gut benimmst.« Sie sollten sich vielmehr spezifisch und detailliert ausdrücken: »Wir verlangen, dass du aufhörst, uns zu beschimpfen und uns vulgäre Bewegungen vorzuführen.«
  3. Wenn die Eltern sich vor aggressiven und gewalttätigen Reaktionen des Kindes fürchten, ist zu empfehlen, eine dritte Person ins Haus zu holen (Freunde, Bekannte, – Großeltern sollten nicht mit einbezogen werden). Mit der Rolle der dritten Person werden wir uns im nächsten Abschnitt noch befassen. Zunächst sollen dem Kind die bereits genannten Sätze gesagt werden, sodann etwa der folgende Satz: »Da wir deine gewalttätigen Reaktionen fürchten, haben wir Person X einbezogen, damit sie Zeuge sein kann.« Die Erfahrung aus mehreren Untersuchungen zeigt, dass erst die Präsenz der dritten Person die Gewaltbereitschaft fast ganz reduziert.
  4. Das Sit-in soll zu einem ruhigen Zeitpunkt stattfinden und auf keinen Fall während einer Eskalation oder unmittelbar nach einer schweren Auseinandersetzung.
  5. Nach Beendigung des Sit-in ist zu empfehlen, den Tagesablauf der Familie fortzuführen, ohne Bezugnahme auf das Sit-in oder seine Ergebnisse.

Ihr Kind wird das Eintreten in sein Zimmer gar nicht mögen und es als Eindringen in seine Privatsphäre erleben. Im Folgenden seien einige mögliche Reaktionen während des Sit-in und die richtigen Antworten darauf benannt:

Der Versuch, Sie hinauszutreiben.

Das Kind wird versuchen, Sie aus dem Zimmer hinauszutreiben mit Beschimpfungen wie: »Verschwindet hier, ich kann euch nicht ertragen.« Es kann versuchen, Sie mit physischer Gewalt oder dem Werfen von Gegenständen hinauszuschmeißen. Wenn es versucht, eine verbale Eskalation zu initiieren, ist es wichtig, dass Sie schweigen oder ruhig reagieren. Wenn das Kind Sie körperlich angreift, verteidigen Sie sich nur, indem Sie es festhalten. Wenn die Gefahr von physischer Gewaltausübung des Kindes besteht, sollte eine dritte Person zu dem geplanten Sit-in eingeladen werden, die vor der Tür oder im Wohnzimmer verweilt und die dann bei Bedarf ins Zimmer gerufen werden kann.

Den Eltern Bedingungen stellen.

Das Kind kann das Sit-in beenden wollen, indem es Bedingungen stellt wie »Ich werde tun, was ihr von mir verlangt, nur wenn ihr mir dies oder jenes kauft.« Antworten Sie darauf geduldig, Sie könnten einen solchen Vorschlag nicht akzeptieren. Danach schweigen Sie weiter.

Das Ignorieren der Eltern.

Durch diese Reaktion versucht das Kind, die Botschaft zu vermitteln, es sei von Ihrer Aktion weder beeindruckt noch beeinflusst. Es kann den Fernseher oder die Stereoanlage anschalten oder sich mit dem Computer beschäftigen. Das Gerät sollten Sie allerdings nur einmal ausschalten. Wenn das Kind das Gerät wiederholt anschaltet, vermeiden Sie alle schon genannten Auseinandersetzungen. Bleiben Sie trotzdem weiter sitzen, doch schweigen Sie bis zum Ende der vorgenommenen Sit-in-Stunde. Beim nächsten geplanten Sit-in sorgen Sie dafür, dass die Geräte vom Stromnetz abgeschaltet sind, oder Sie nehmen die Maus vom Computer weg oder Ähnliches.

Schreien und Peinlichkeit erzeugen.

Durch Schreien und Lautwerden versucht das Kind, die Nachbarn oder andere auf sein »Elend« aufmerksam zu machen und sie quasi als Mitwirkende mit einzubeziehen. Wenn Sie eine solche Reaktion erwarten, informieren Sie die Nachbarn über Ihr Vorgehen mit dem Kind. In diesem Fall sollten Sie eine Kopie dieses Ausatzes an sie weitergeben.

Positive Vorschläge des Kindes.

Wenn das Kind einen positiven Vorschlag gemacht hat, beenden Sie das Sit-in und verlassen Sie das Zimmer. Machen Sie sich keine Sorgen, ob das Kind Sie »auf den Arm genommen hat«. Bei einer Wiederholung des unerwünschten Verhaltens können Sie das Sit-in immer wieder praktizieren. Wichtig ist zu bedenken, dass Kinder ihr Verhalten des Öfteren ändern, ohne einen Vorschlag während des Sit-in gemacht zu haben. Denken Sie daran, dass das Hauptziel des Sit-in die Änderung des Verhaltens des Kindes ist, unabhängig davon, ob es einen Vorschlag gemacht hat oder nicht. Für das Kind kann dies eine »Frage der Ehre« sein, keinen Vorschlag zu äußern und dennoch das Verhalten zu verändern.

Das Sit-in hat das Ziel, das aggressive Verhalten des Kindes im Alltag zu verändern. Ziel ist nicht sein gutes Benehmen während des Sit-in. Relevant ist nicht, ob das Kind Sie während des Sit-in beschimpft, sondern ob es sein unerwünschtes Verhalten nach dem Sit-in verändert. Wenn Sie sehen, dass dies der Fall ist, ist ein weiteres Sit-in nicht notwendig. Wenn Sie der Ansicht sind, dass sich das unerwünschte Verhalten wiederholt, können Sie ein wei¬teres Sit-in planen.

5. Das Mobilisieren von Unterstützung und von Öffentlichkeit

Dies ist eine sehr wichtige Bedingung für den Erfolg des Programms:
Die Aggressionsminderung beim Kind liegt in Ihrer Bereitschaft, andere Personen an den Geschehnissen zu beteiligen. Geheimhaltung ist die Basis aller Gewaltzustände in Familien. Die Erfahrung zeigt, dass das Geheimhalten nicht nur die Beendigung eines gewalttätigen Konflikts verhindert, sondern ihn auch verschärft. Viele Eltern scheuen sich, mit anderen Personen über die Geschehnisse zu Hause zu reden. Das natürliche Motiv ist der Wunsch, sich und das Kind vor einem schlechten Image zu schützen. Aus Scham und Angst, sie könnten sich und das Kind stigmatisieren, verschließen sich viele Eltern vor allen Hilfsmöglichkeiten und Unterstützungsquellen und bleiben isoliert im Kreislauf der Gewalt. Die Geheimhaltung aufzubrechen und eine Unterstützung von außen zu mobilisieren, unterbricht den Kreislauf der Gewalt.

Versuchen Sie, einige Personen in das Geheimnis einzuweihen (Freunde, Bekannte, Nachbarn usw.). Halten Sie das Verhalten des Kindes nicht geheim. Erwecken Sie bei Ihrem Kind das Gefühl, dass das Geheimnis enthüllt worden ist und dass von jetzt an seine Taten und sein Verhalten den richtigen Namen bekommen werden, also Gewalt oder Nötigung; Handlungen dieser Art werden weder von Ihnen noch von Ihrem Bekanntenkreis weiter akzeptiert werden. Ihr Kind soll wissen, dass Sie Ihre Umgebung informiert haben.

Bitten Sie die Personen, die Sie informiert haben, dies Ihrem Kind persönlich oder telefonisch mitzuteilen. Die Personen sollen dem Kind mitteilen, dass sie eine detaillierte Beschreibung seines Verhaltens bekommen haben, und dies vor ihm auch detailliert wiederholen und ihm sagen, dass dieses Verhalten nicht akzeptabel ist. Im Fall einer gewalttätigen Handlung des Kindes sollen die Personen dem Kind sagen, dass solche Taten als Verstoß gegen das Strafgesetz betrachtet werden müssen. Zum Schluss sollen sie dem Kind ihre Entschlossenheit deutlich machen, dass sie vorhaben, Sie zu unterstützen, und bereit sind, alles zu tun, um das Phänomen zu stoppen. Es ist zu empfehlen, diesen Aufsatz den Mitwirkenden (Familienangehörigen, Bekannten) mitzugeben, um ihnen den GLW verständlich und nachvollziehbar zu machen.

Ein effizienter Weg, die Unterstützung dieser Personen zum Ausdruck zu bringen, ist, Briefe zu schreiben oder E-Mails zu schicken. Sie sollten schriftlich alles, was sie wissen, detailliert schreiben und ihre Ablehnung eines solchen Verhaltens zum Ausdruck bringen. Im Fall von Gewalttätigkeit sollten sie schreiben, sie seien Zeuge des gewalttätigen Verhaltens des Kindes in der Familie. Eine solche detaillierte Beschreibung vermittelt die Botschaft, dass seine Taten nicht mehr geheim bleiben, dass sie ein Echo erzeugen und dass andere Leute darüber Bescheid wissen. Darüber hinaus sollten die ausgewählten Personen schreiben, dass sie Ihnen helfen wollen. Die schriftliche Dokumentation der Geschehnisse hat eine eigene wirkungsvolle Bedeutung. Wenn Sie Freunde und Bekannte im Ausland haben, mit denen sich das Kind verbunden fühlt, können Briefe oder Faxe sehr wirkungsvoll sein.

Alle diese Wege haben das Ziel, Ihrem Kind deutlich zu machen, dass Sie nicht mehr allein sind. Dieses Wissen reicht oft schon aus, um die Aggression oder Gewalt in der Familie zu reduzieren. Das Mobilisieren von Personen außerhalb der Familie ist nie einfach und verlangt die Überwindung mancher innerer Schwierigkeiten. Dennoch, wenn Sie den Mut finden, diese Entscheidung zu treffen und in die Tat umzusetzen, werden Sie herausfinden, dass Sie große Unterstützung bekommen und dass Ihr Kind darauf reagiert. Sie werden daraufhin mit innerer Sicherheit und Überzeugung Ihren eigenen Weg finden.

Das Rundtelefonieren

Das Rundtelefonieren hat das Ziel, Ihren Widerstand zu demonstrieren gegenüber einem häufigen Verschwinden Ihres Kindes oder gegenüber dessen Beteiligung an zerstörerischen Handlungen und anderen unannehmbaren Aktivitäten. Das Rundtelefonieren versetzt Sie in die Lage, Ihre elterliche Präsenz mit größerer Wirkung und ohne Gewalt wiederherzustellen. Als mögliche Folge des Konflikts mit Ihrem Kind und Ihres Versuchs, den Zustand zu verändern, kann das Kind stundenlang, eine ganze Nacht oder sogar für längere Zeit von zu Hause fortbleiben. Möglicherweise haben Sie bereits so wenig Kenntnisse von Ihrem Kind, dass Sie gar keine Ahnung mehr haben, wo und mit wem es sich aufhalten könnte. Um die Botschaft der elterlichen Präsenz effizient zu vermitteln, sollten Sie die Bereitschaft mitbringen, Ihr Kind auch außerhalb des Hauses zu suchen, und zwar telefonisch und persönlich. Das Rundtelefonieren bedeutet, telefonischen Kontakt mit jeder Person herzustellen, die etwas von dem Aufenthaltsort Ihres Kindes wissen könnte.

Das Rundtelefonieren bezweckt:

  • das Auffinden des Kindes,
  • ein Demonstrieren von elterlicher Präsenz, Widerstand gegen das Ver¬schwinden,
  • ein Mobilisieren von Gruppendruck, um das Kind zur Rückkehr zu bewe¬gen,
  • die Rückkehr des Kindes nach Hause.

Beachten Sie, dass das Zurückbringen des Kindes nach Hause nicht das Wichtigste von allem ist. Auch wenn das Kind nicht nach Hause zurückkehrt, haben Sie elterliche Präsenz und Ihren Widerstand wirkungsvoll zum Ausdruck gebracht, und Sie haben ein Unterstützungsnetz aufgebaut. Darüber hinaus vermittelt das Rundtelefonieren Ihrem Kind, dass es unter ständiger Kontrolle steht und dass der Kontakt zu Ihnen nicht abbricht.

Das Rundtelefonieren durchbricht außerdem das Prinzip der Geheimhaltung. Das Kind wird Ihre Entschlossenheit, Hilfe und Unterstützung von außen zu holen, feststellen können.

Öffentlichkeitsdruck ist das zentrale Prinzip, auf dem der GLW basiert. Wenn Sie die Personen kontaktieren und Ihre elterliche Sorge ausdrücken, vermitteln Sie der Öffentlichkeit auch Ihr Ziel. Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie feststellen, dass viele Eltern sich in der gleichen Situation befinden und Ihnen dann große Unterstützung anbieten. Die erste Stufe des Rundtelefonierens ist das Sammeln aller Telefonnummern der Freunde und Bekannten des Kindes (z. B. des Sporttrainers, des Jugendzentrumsleiters und anderer) sowie aller Orte, die Ihr Kind besuchen könnte (Sportclub, Videothek, Diskothek usw.). Alle Wege, die Telefonliste zu erstellen, sind erlaubt: aus dem Telefonbuch des Kindes, durch Anrufe bei Kindern, deren Telefonnummer Sie bereits haben, aus der Auflistung der Telefonate durch die Telefongesellschaft, durch Prüfen der Handyliste.

Die zweite Stufe wird ausgeführt, wenn das Kind nach einem Streit fortbleibt oder wenn Sie über seinen Aufenthaltsort besorgt sind. In diesem Fall sollten Sie alle Personen und Orte aus Ihrer Liste anrufen. Wichtig ist, alle Personen und Orte anzurufen und sich nicht nur auf den Ort zu beschränken, an dem Sie Ihr Kind zu finden glauben.
Beachten Sie:
Sie wollen das Kind nicht nur finden, sondern Sie wollen ihm die wichtigste Botschaft vermitteln: Sie wollen nicht auf es verzichten.

Die Liste sollte folgende Personen beinhalten:

Freunde des Kindes.
Sie stellen sich als Eltern des Kindes vor und sagen, dass Ihr Kind nicht zu finden ist und dass Sie es suchen. Fragen Sie, ob die Freunde etwas über seinen Aufenthaltsort wissen. Hinterlassen Sie dort die Nachricht für Ihr Kind, dass Sie es suchen und es bitten, nach Hause zurückzukommen oder Kontakt mit Ihnen aufzunehmen. Wenn sie nicht wissen, wo Ihr Kind ist, bitten Sie den Freund oder die Freunde, es beim nächsten Treffen zu benachrichtigen, dass Sie es suchen.

Eltern der Freunde des Kindes.
Nachdem Sie mit einem Freund gesprochen haben, bitten Sie ihn, mit einem seiner Eltern zu sprechen. Den Eltern sagen Sie dann dasselbe; außerdem bitten Sie darum, in Zukunft keine Übernachtung des Kindes bei den Freunden ohne Ihre klare Genehmigung zu ermöglichen.
Lokalbesitzer und Betreiber von Freizeiteinrichtungen sowie deren Mitarbeiter. Ihnen wird dasselbe wie oben mitgeteilt, und auch sie werden gebeten, die Nachricht weiterzugeben.

So besteht eine gute Chance, das Kind zu finden. Damit beginnt die dritte Stufe der Intervention, in der Sie mit dem Kind sprechen und sein Zurückkehren verlangen werden.

Typische Situationen

  • Wenn das Kind nicht bereit ist, mit Ihnen am Telefon zu reden, insistieren Sie auf der Weitergabe der Nachricht an Ihr Kind, warten Sie eine weitere Viertelstunde und rufen Sie noch einmal an. Sollte es sich weiter verwei-gern, hören Sie mit dem Anrufen auf.
  • Wenn Sie die Adresse seines Aufenthalts wissen, können Sie dorthin gehen und Ihr Anliegen klarmachen, nämlich dass Ihr Kind mit Ihnen nach Hause kommen soll. Wenn Sie nicht hereingebeten werden, bleiben Sie dort und klingen Sie alle 10 Minuten mit der Bitte, das Kind solle mit Ihnen nach Hause zurückkehren.
  • Vermeiden Sie jede Auseinandersetzung mit dem Kind. Wenn das Kind die Rückkehr verweigert, beenden Sie das Telefongespräch und treffen Sie die Entscheidung, ob Sie persönlich hingehen wollen oder nicht.

Durch das Rundtelefonieren an sich wurde schon eine wichtige Aussage gemacht: Ihr Kind stellt fest, dass Ihre elterliche Präsenz in seinem Leben weder zu annullieren noch zu ignorieren ist.

7. Versöhnungsschritte

Damit sich Ihr Kontakt mit dem Kind nicht nur auf der Achse des Kampfes und der Konflikte bewegt, ist es wichtig, Versöhnungsaktivitäten anzubieten. Die Forschung über Eskalationszustände zeigt, dass Versöhnungsschritte zur Reduzierung von Eskalationsgefahren führen. Solche Aktivitäten werden die Feindseligkeit, die im Haus vorherrscht, vermindern. Sie dienen der Erweiterung eines Beziehungssystems, das auf einer positiven Atmosphäre basiert. Wichtig ist, dass die Versöhnungsaktivitäten nicht mit dem Verhalten und den Taten des Kindes zusammenhängen sollen. Sie sollen keine Belohnung darstellen, aber sie zu unterlassen wäre eine Bestrafung, die keinesfalls angewandt werden sollte. Solche Aktivitäten oder Gesten beinhalten eine liebevolle Botschaft, während Sie Ihren insistierenden und hartnäckigen GLW fortführen. Die Versöhnungsaktivitäten sollen den GLW nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Varianten von Versöhnungsaktivitäten

Aussagen. Schriftliche oder mündliche Aussagen, die Respekt und Wertschätzung für das Kind, seine Fähigkeiten, Talente, Eigenschaften und Haltungen zum Ausdruck bringen; Sie können auch seine Entschlossenheit in Bezug auf Dinge, die ihm wichtig sind, würdigen.

Verwöhnungsextras.

Wie zum Beispiel die Vorbereitung von bevorzugten Gerichten oder symbolischen Geschenken. Wichtig ist bei solchen Extras, sie dem Kind nicht aufzuzwingen; wenn Sie ihm das Lieblingsgericht vorbereitet haben, verlangen Sie nicht, dass es dies auch sofort essen soll. Solche besonderen Extras sind als bedingungslose Gesten zu betrachten, und das Kind soll entscheiden, ob und wann es sie annehmen möchte. Selbstverständlich sollten keine zu teuren Gesten gemacht werden (wie z. B. eine Auslandsreise), auch keine Gesten, die das Kind als Bedingung für die Verbesserung seines Verhaltens verlangt. Eine wichtige Geste dieser Art kann vielleicht das Reparieren eines Haushaltsgegenstands sein, den das Kind oft benutzt und den es in einer Wutattacke zerbrochen hat. Die Reparatur symbolisiert die Wiederherstellung der Beziehung mit ihm.

Gemeinsame Aktivitäten.

Bieten Sie dem Kind einen Spaziergang, einen Kinobesuch oder irgendeine andere Aktivität an, die es besonders gern mag. Denken Sie daran, dass das Kind das Recht hat, das Angebot abzulehnen.

Bedauern.

Eine besondere Versöhnungsgeste ist der Ausdruck von Bedauern über aggressive Äußerungen Ihrerseits in der Vergangenheit.

All diese Aktivitäten sind Gesten des guten Willens. Sie bringen keine Kapitulation vor dem Kind und kein Sich-Abfinden mit seinem Verhalten zum Ausdruck. Sie dienen vielmehr dem Ziel, mit ihm eine vollständigere Beziehung zu entwickeln, die sich nicht nur auf Konflikte beschränkt. Vielleicht wird das Kind solche Versöhnungsaktivitäten zunächst ablehnen. Eine Ablehnung der Geste bedeutet aber noch lange nicht, dass die Versöhnungsinitiative gescheitert wäre, sondern sie resultiert aus der Gewohnheit Ihres Kindes, alle Ihre Vorschläge ohne Unterschied abzulehnen. Machen Sie weiterhin solche Angebote, ohne ihm die Versöhnungsgesten aufzuzwingen. Auch wenn das Kind diese ablehnt, behalten sie dennoch eine große Wirksamkeit, da sie eine Verstärkung und Wiederherstellung Ihrer elterlichen Präsenz in seinem Leben bewirken.

Übersetzung aus dem Hebräischen: David Krehwinkel
Redaktion: Christoph J. Schmidt-Lellek, Frankfurt a. M.

Zur Person von Haim Omer

Haim Omer, Ph.D., ist Familientherapeut und Professor für Psychologie an der Universität von Tel Aviv. Er hat das Konzept der "Neuen Autorität" entwickelt, in der unter anderem Distanz, Kontrolle, Strafe und unmittelbares Handeln ersetzt wird durch Präsenz, Selbstkontrolle, Transparez, Beharrlichkeit und Standhaftigkeit. Seit Mitte der 80er Jahre beschäftigt sich Haim Omer mit der Frage, wie sich diese Form der Erziehung in den Lebensalltag der Familien und die Beratungsarbeit integrieren lässt.