Die mühsame Aufarbeitung des "Kentler-Experimentes" durch den Berliner Senat

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Thema: Sexueller Missbrauch Vermittlung (Pflegekind) Vollzeitpflege

Personen / Institutionen: Henrike Hopp

Stadt / Land: Berlin

04.01.2017, letzte Aktualisierung am 20.01.2017
Das sogenannte 'Kentler-Experiment' bedeutete Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre in Berlin die Unterbringung einiger 13 - 17 jährigen Jungen bei pädophilen - wegen sexuellem Missbrauchs verurteilten - Männern in Vollzeitpflege. In 2013 machten Berliner Medien auf das ‚Experiment‘ aufmerksam und forderten eine Aufarbeitung der Geschehnisse vom Berliner Senat.

Anfang Dezember 2016 erschienen in einigen Berliner Tageszeitungen und im Spiegel Berichte über ein Forschungsprojekt der Universität Göttingen. Der Berliner Senat hatte diesen Forschungsauftrag erteilt, um durch eine unabhängige Institution die Handlungen des Berliner Senats zum sogenannten „Kentler-Experiment“ und zur ‚Adressenliste zur schwulen, lesbischen und pädophilen Emanzipation‘ wissenschaftlich durchleuchten zu lassen.

Ich möchte mich in diesem Artikel ausschließlich auf das ‚Kentler-Experiment‘ beziehen, weil es hier um die Unterbringung von Pflegekindern ging.

Helmut Kentler

Helmut Kentler wurde 1928 geboren und verstarb 2008. Er war als Pädagoge und Psychologe tätig. Er arbeitete viele Jahre für evangelische Einrichtungen, war bis 1974 an der Pädagogischen Hochschule Berlin tätig und ab 1976 bis 1996 Professor an der Universität Hannover. Kentler entwickelte maßgeblich die Theorie einer emanzipatorischen Jugendarbeit. Er war Gutachter und gefragter Experte. Aus den nachfolgenden Auszügen werden seine Sicht- und Handlungsweisen deutlich.

Für die Beurteilung der Ereignisse ist die Sicht auf die damalige Zeit von großer Bedeutung. Die 1960er/1970er Jahre waren die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die Jahre der sogenannten sexuellen Befreiung.

Die taz schrieb am 18.9.2013 dazu „Der Parteienforscher Franz Walter, der im Auftrag der Grünen derzeit deren Pädophilieverstrickungen aufarbeitet, bezeichnet Helmut Kentler als 'Schlüsselfigur' der damaligen Debatte über die sexuelle Gleichberechtigung Homosexueller und Pädophiler".

Weiter heißt es in dieser Ausgabe: "1988 – knapp zwanzig Jahre nach Beginn des Modellprojekts – erhielt Kentler von der Berliner FDP-Jugendsenatorin Cornelia Schmalz-Jacobsen den Auftrag, die Eignung Homosexueller als Pflegeeltern zu beurteilen. In seinem Gutachten, das der taz vorliegt, lieferte der Wissenschaftler unverlangt auch eine Empfehlung für Sex mit Schutzbefohlenen ab".

Die taz stellte damals die Frage: "Löste das keinen Protest beim Auftraggeber aus?"

Die Studie

In 2013 machten Berliner Medien auf das ‚Experiment‘ aufmerksam und forderten eine Aufarbeitung der Geschehnisse vom Berliner Senat. Es geschah nichts.

2015 gab er erneut vielfältige und umfassende Berichte und Nachfragen, so dass sich der Berliner Senat letztendlich veranlasst sah, eine Studie in Auftrag zu geben.

Das Göttinger Institut für Demokratieforschung wurde schließlich von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft gebeten, die beiden Sachverhalte aufzuarbeiten. Die Senatsverwaltung reiht sich damit in mehrere Organisationen ein, die in den letzten Jahren Untersuchungen zu ihren Verbindungen in pädosexuelle Milieus bzw. zu ihrem Eintreten für pädosexuelle Forderungen in Auftrag gegeben oder diese selbst vorgenommen haben.
Daneben ist die Beauftragung des Instituts für Demokratieforschung durch die Senatsverwaltung in dem aktuellen Kontext der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle
zu sehen. Ihren sichtbarsten Ausdruck findet diese Entwicklung in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die im Januar 2016 berufen wurde und bis mindestens 2019 sexuellen Kindesmissbrauch in Institutionen und Familien in der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen DDR untersucht.

Schwerpunktmäßig verfolgten mehrere Mitarbeiter/-innen des Instituts die folgenden Untersuchungslinien, um anhand zweier Fallbeispiele die Unterstützung pädosexueller bzw.
päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung herauszuarbeiten:

a) Die Pflegestellen bei pädosexuellen bzw. päderastischen Hausmeistern (seit ungefähr 1970):

  • Welche Intention hatte die Senatsverwaltung, die anscheinend den Einsatz der pädosexuellen bzw. päderastischen Männer als Pflegeväter befürwortete?
  • Welche grundsätzlichen Erkenntnisse zu pädosexuellen bzw. päderastischen Pflegeverhältnissen können möglicherweise daraus abgeleitet werden?
  • Existieren noch Dokumente zu diesem Vorgang?
  • Wenn ja, welche?
  • Wer stimmte dem Vorhaben in der Senatsverwaltung überhaupt zu?
  • Welche allgemeinen Erklärungsansätze (Zeitgeist und Ähnliches) gibt es dafür, dass die Senatsverwaltung damals ihr Einverständnis gab?
  • Wie erging es den drei betreuten Jungen wirklich?

b) Der Umgang mit diesen Pflegestellen Ende der 1980er Jahre:

  • Wo befindet sich der Vergabevorgang für das 1989 in dem Buch „Leihväter. Kinder brauchen Väter“ veröffentlichte Gutachten (Titel: „Homosexuelle als Betreuungs- und Erziehungspersonen unter besonderer Berücksichtigung des Pflegekindschaftsverhältnisses. Ein Gutachten“) für den Senat?
  • Wie wurde die Vergabeentscheidung begründet?
  • Wie wurde Ende der 1980er Jahre mit dem Kentler-Gutachten fachpolitisch verfahren?
  • Gibt es hierzu dokumentierte fachliche Positionen der damaligen Senatsverwaltung und/oder des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, die im Zusammenhang mit der Arbeit im Handlungsfeld „gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ stehen?
  • Inwiefern wirkte sich das Gutachten von Kentler auf das Verhalten der Senatsverwaltung für Jugend und Familie in der Frage, ob Homosexuelle als Betreuungs- und Erziehungspersonen geeignet sind, aus?

c) Zur „Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation“ (Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre):

Der ‚Spiegel‘ 49/2016 schreibt zur Studie in seinem Artikel „Vater Staat“:

„Der Abschlussbericht lässt keinen Zweifel: Mitarbeiter des Senats wussten, dass die Pädophilen aus Kentlers Projekt von den ihnen anvertrauten Jungen Sex erwarteten. Es war ein System, in dem es für die Jungen kein Entrinnen gab. Die Forscher zeigen außerdem, dass über Berlin hinaus ein Netzwerk funktionierte, das Pädophilen Jungen zuführte. So vermittelte die Senatsverwaltung Jungen an die Odenwaldschule und damit auch an ihren Leiter Gerold Becker, der in dem Internat zahllose Schüler missbrauchte. Und der Bericht zeigt, wie wenig die Berliner Senatsverwaltung mit den Forschern kooperierte.“

Auszüge aus der Studie

Titel der Studie: Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung - Am Beispiel eines „Experimentes“ von Helmut Kenteler und der "Adressenliste zur schwulen, lesbischen und pädophilen Emanzipation"
Abschlussbericht zum Forschungsprojekt November 2016
Studie im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft
Verfasser: Institut für Demokratieforschung – Georg-August-Universität Göttingen

Auszüge aus dem Abschlussbericht zur präzisen Erläuterung der Situation

Bei den Auszügen habe ich mich auf Teile der Kapitel 1, 2 und 3 beschränkt, weil diese sich auf die hier zu besprechende Unterbringung Jugendlicher bei Pädophilen beziehen.

3.1 Das „Experiment“ von ca. 1970 aus der Sicht Kentlers: Eine kritische Quellenanalyse

Sein Gutachten „Homosexuelle als Betreuungs- und Erziehungspersonen unter besonderer Berücksichtigung des Pflegekindschaftsverhältnisses“, das Kentler 1988 im Auftrag des Senators für Jugend und Familie verfasst hatte und das ein Jahr später fast identisch in seinem Buch „Leihväter. Kinder brauchen Väter“ abgedruckt wurde, beginnt er mit einer persönlichen Erklärung: „Ich konnte das gewünschte Gutachten in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, nur darum ausarbeiten, weil ich seit fast drei Jahrzehnten sowohl praktisch wie theoretisch mit Problemen beschäftigt bin, die für dieses Gutachten zentral sind. Dieses persönliche Engagement an der Gutachtenthematik möchte ich eingangs knapp erläutern [...].“

Das erste Unterkapitel der Einleitung zu seinem Gutachten trägt deshalb den Titel „Mein persönliches Engagement“. Es enthält acht Punkte, wobei Punkt vier wie folgt lautet:

Während der Zeit der ‚Antiheimkampagne‘, als in Berlin zahlreiche ‚Trebegängerinnen‘ und ‚Trebegänger‘ buchstäblich auf der Straße lagen, arbeitete ich in einer sozialpädagogischen Initiative mit. Ich kümmerte mich besonders um einige Jungen, die sich als ‚Stricher‘ betätigten. Sie wieder ‚seßhaft‘ zu machen, war kaum möglich, da sie sich umworben fühlten, gut verdienten und gar keine Lust hatten, ihr Leben zu ändern. Durch diese Jungen kam ich in Kontakt mit drei Männern, die als Hausmeister tätig waren; sie hatten sich im Gefängnis in Tegel kennengelernt, wo sie wegen sexueller Kontakte mit minderjährigen Jungen Freiheitsstrafen zu verbüßen hatten. Mir fiel auf, dass die Jungen die kleinen Kellerwohnungen der drei Männer als regelrechte Zuflucht benutzten: Hier fanden sie eine Schlafgelegenheit, auch wenn sie keine Lust hatten, mit dem Mann ‚zu pennen‘, sie bekamen etwas zu essen und durften sogar ihre Wäsche waschen – unter sich sprachen sie von diesen Männern als ‚Mutter‘: ‚Dann geh ich eben zu Mutter‘ (und es folgte der Zuname).

Ich hatte damals erste Veröffentlichungen über Versuche in Holland und in den USA gelesen, bei Päderasten Pflegestellen für jugendliche Herumtreiber einzurichten und dadurch eine soziale Integration zu ermöglichen. Die Ergebnisse ermutigten mich, etwas ähnliches zu versuchen, und es gelang mir, die zuständige Senatsbeamtin dafür zu gewinnen. So kam es, daß bei den drei Hausmeistern regelrechte Pflegestellen eingerichtet wurden, und ich fand rasch drei Jungen, die bereit waren, hier einzuziehen: Sie waren zwischen 15 und 17 Jahren alt, waren aus Heimen weggelaufen, konnten kaum lesen und schreiben, einer war völliger Analphabet und konnte nicht einmal die Uhr ablesen. Ich übernahm für jede Pflegestelle die Supervision, das heißt, ich kam zweimal in der Woche zu Besuch, sprach zuerst allein mit dem Mann, dann allein mit dem Jungen, schließlich mit beiden zusammen – Schwierigkeiten, Probleme wurden besprochen und gelöst.

Die Jungen blieben in diesen Pflegestellen ungefähr zwei Jahre. In dieser Zeit lernten sie lesen und schreiben, und sie fingen an zu arbeiten, zunächst unregelmäßig, mal hier, mal da als Aushilfe, dann in festen Hilfsarbeiterstellen. Schließlich bezogen sie eigene Wohnungen. Zwei haben geheiratet und führen ein ordentliches, unauffälliges Leben. Dem Dritten laufen die Freundinnen immer wieder weg, wenn sie seine geistige Behinderung bemerken. Manchmal wachsen ihm Geldprobleme über den Kopf (er vergißt zum Beispiel, seine Fernseh- und Radiogebühren zu bezahlen), dann muß ihm geholfen werden (dazu reichen 100,- bis 200,- DM im Jahr). Sonst aber ist er ordentlich, zuverlässig und selbständig – er fällt niemandem zur Last.

Mir war klar, daß die drei Männer vor allem darum so viel für ‚ihren‘ Jungen taten, weil sie mit ihm ein sexuelles Verhältnis hatten. Sie übten aber keinerlei Zwang auf die Jungen aus, und ich achtete bei meiner Supervision besonders darauf, daß sich die Jungen nicht unter Druck gesetzt fühlten. Da die Männer auf die Altersspanne 15 bis 19 Jahre festgelegt waren, versuchten sie nicht, die Jungen an sich zu binden, vielmehr machten sie es mir ziemlich leicht, ihnen dabei zu helfen, das Selbständigwerden ‚ihres‘ Jungen als wichtigstes Ziel ihrer Beziehung zu ihm anzustreben.

1980 folgte dann Kentlers ausführlichste Auseinandersetzung mit seinem Praxisbeispiel.

In der Zeitschrift ‚konkret. Sexualität‘ befasste er sich mit einem damals viel diskutierten Thema: Pädophilie. An mehreren Beispielen aus seiner Praxis zeigt der hannoversche Professor die „Zärtlichkeitsbedürfnisse“ von Kindern und die Reaktionen der Erwachsenen auf, wobei er – wie ein Jahr zuvor in seinem Sammelbandbeitrag – auch auf „Problemkinder“ bzw. „Problemjugendliche“ eingeht, zunächst auf junge Strafgefangene:

Seit über 20 Jahren arbeite ich mit jugendlichen Strafgefangenen. Sie kommen aus schwer gestörten oder zerbrochenen Elternhäusern, die meisten sind in Heimen aufgewachsen – das Gefängnis ist die Endstation jener Kinder, die zu wenig oder nicht die richtige oder gar keine Liebe bekommen haben. Untersucht man, welchen Stellenwert ihre Straftaten in ihrem Leben haben, dann gewinnt man den Eindruck, sie hätten sich rächen wollen für alles, was ihnen in der Kindheit angetan wurde: Vom Tag ihrer Geburt an waren sie unerwünscht, ungeliebt.

Ich weiß aus meiner Arbeit mit diesen Jugendlichen, daß sie nur dann eine Chance haben, ohne ständige Konflikte mit den Gesetzen zu leben, wenn sie eine Beziehung gegenseitiger Liebe finden, in der sie Versäumtes nachholen können und in der sie lernen, liebesfähig und arbeitsfähig zu werden. Die Liebe, die sie brauchen, muß allerdings sehr konkret – ‚fleichlich [sic] lebendig‘– sein: Verständnis, ein freundlicher Blick, ein liebes Wort genügen nicht. Diese Liebe muß sich beweisen in Körpernähe, Wärme, Zärtlichkeit, Kuscheln und Knuddeln. Wer ist fähig, wer ist bereit, so viel Liebe zu geben?

Eine Antwort auf diese Frage gibt Helmut Kentler im nachfolgenden Teil seines Aufsatzes: Es können Pädophile sein. Die entsprechenden Passagen sollen nun vollständig zitiert werden, denn sie enthalten zahlreiche Informationen, die im „Leihväter“-Buch nicht zu finden sind:

Vor 11 Jahren – ich lebte damals in Berlin in einer Wohngruppe – wurde mir der 13jährige Ulrich gebracht, weil man hoffte, ich würde ihn aufnehmen. Ein Zimmer wäre frei gewesen – aber ich gestehe, daß ich den Jungen nur kurze Zeit ertragen konnte. Er war schwer schwachsinnig. Er redete unkonzentriert, ganz seinen Assoziationen folgend, daher. Er wich einem nicht von der Seite und benahm sich unbeholfen, läppisch.

Ulrich war seit seinem vierten Lebensjahr in verschiedenen Heimen gewesen. Vor vier Monaten war er abgehauen, und nun war er ‚auf Trebe‘ (er trieb sich allein auf sich gestellt herum). Sein Stammplatz war der Bahnhof Zoo. Er ‚arbeitete‘ als Stricher, teils, weil er dadurch Essen, oft auch ein Bett bekam, teils aber auch, weil es ihm Spaß machte, ‚Männer aufzureißen‘ (‚Da fühl’ ick mich ma so überlejen‘, sagte er). Die Heimerziehung hatte nicht geschafft, ihm Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Er konnte nicht einmal die Uhr lesen. Dafür, daß er schon so lange unterwegs war, sah er erstaunlich gepflegt aus, und er war gut und sauber angezogen.

Was sollte ich mit dem Jungen machen? Ich kam darauf, ihn zu fragen, wo er am liebsten hingehen würde, ob er jemand kenne, bei dem er gern wohnen würde. Zu meiner Überraschung fing er sofort an, von ‚Mutter Winter‘ zu schwärmen. Herr Winter war Hausmeister in einem großen Wohnblock. Die Jungen vom Bahnhof Zoo kannten ihn alle. Er hatte immer ein bißchen Essen für sie, man konnte bei ihm rumsitzen, während einem seine Maschine die Wäsche wusch, und auch zum Schlafen konnte man zu ihm kommen, sogar dann, wenn man keine Lust hatte, mit ihm zusammen in seinem Bett ‚zu schlafen‘.

Ich sagte mir: Wenn die Stricher diesen Mann ‚Mutter‘ nennen, kann er nicht schlecht sein. Mutter Winter war bereit, Ulrich aufzunehmen. Das Jugendamt richtete bei ihm eine Pflegestelle ein, so daß er für Ulrich Pflegegeld bekommen konnte. Ich besuchte die beiden zweimal die Woche, um die Probleme zu besprechen, die zwischen ihnen entstanden.

Ulrich war vier Jahre bei Herrn Winter. Er zog aus, weil er angefangen hatte, sich für Mädchen zu interessieren, und das konnte Herr Winter nicht tolerieren. Aber bis dahin hatte Ulrich Riesen-Fortschritte gemacht. Er konnte – wenn auch nur sehr fehlerhaft – schreiben, er las einfache Texte, beispielsweise Comics, er konnte die Uhr lesen, und er achtete beim Einkaufen darauf, daß das Wechselgeld stimmte.

Seit fünf Jahren arbeitet Ulrich als Hilfsarbeiter in derselben Stelle, und er ist wegen seiner Zuverlässigkeit sehr beliebt. Seit zwei Jahren ist er fest mit einem Mädchen befreundet. Die ‚Schwiegereltern‘ mögen ihn, und Ulrich ist auch gern bei ihnen. Wenn ich Ulrich heute besuche, sitze ich keinem Schwachsinnigen gegenüber, sondern einem Kerl, der sein Leben selbstbewußt und selbständig führt.

Ich kann diese Geschichte heute berichten, weil die Straftaten, die alle Beteiligten begingen, inzwischen verjährt sind. Ulrich und ich haben Glück gehabt. Ulrichs Vorteil war, daß er gut aussah und daß ihm Sex Spaß machte; so konnte er pädophil eingestellten Männern, die sich um ihn kümmerten, etwas zurückgeben. Wir haben Glück gehabt mit Herrn Winter. Aber sicher haben meine regelmäßigen Besuche positiv gewirkt. Denn Beziehungen zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden leiden häufig darunter, daß sie sich tarnen und verbergen müssen. Ich war ein Außenstehender, vertrat kontrollierende Öffentlichkeit und war als eine Instanz akzeptiert, vor der Herr Winter bereit war, sich zu verantworten.

Ehe ich mich an diesen Beitrag machte, habe ich gelesen, was heutzutage von Wissenschaftlern über Pädophilie geschrieben wird. Ich stehe dazu in einem Widerspruch. Ich will die Pädophilie nicht austreiben, sondern ich frage: Welche Schäden fügen wir uns, vor allem den Kindern und Jugendlichen, zu, wenn wir eine Sexualisierung der Beziehungen zwischen den Generationen unter allen Umständen zu verhindern versuchen.

Kentler erweckte hier (Red.: in anderen Veröffentlichungen) den Eindruck, als habe es sich nicht nur um drei Jungen gehandelt, die von Pädosexuellen betreut wurden, sondern um eine weit größere Fallzahl; etwa wenn er von einem „große[n] Prozentsatz von ihnen“ spricht. Gleichzeitig deutet er an, dass sein „Experiment“ nicht in allen Fällen gut ausgegangen ist.

In dem stenografischen Protokoll der Anhörung (1981 vor FDP-Abgeordneten) heißt es:

Vor einiger Zeit habe ich von einem ganz anderen Experiment in Berlin berichtet, an dem beteiligt zu sein ich um 1970 anfing. Ich arbeitete damals mit ehemaligen Fürsorgezöglingen zusammen, die an sekundärem Schwachsinn litten. Ich habe schon gesagt, worum es sich da handelt: um einen Schwachsinn, der durch Vernachlässigung in Heimen oder bei schlechten Pflegeeltern entstanden ist. – Sie waren zwischen 13 und 15 Jahre alt. Die meisten konnten nicht lesen und nicht schreiben; die meisten konnten noch nicht einmal die Uhr lesen. Teilweise gelang es, diese Jungen bei Päderasten unterzubringen. Das waren meist sehr einfach strukturierte Leute, vor allem Hausmeister, in einem Falle ein Trödler. Diese Leute haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren.

Auf Seite 49 des Gutachtens weist darauf hin, dass "Kentler auch über das Ende seines „Experiments“ berichtet zu haben scheint. Das, was schriftlich nirgendwo dokumentiert ist – zumindest ließen sich derartige Stellen bisher nicht finden –, scheint Kentler immerhin mündlich erzählt zu haben: dass die Pflegestellen aufgrund ihrer Brisanz wieder aufgegeben worden waren.“

In ihrem Artikel „Die Schreibtischtäter“, veröffentlicht in der Emma -Ausgabe vom März/April 1997, ging Ursula Enders ausführlich auf Kentlers „Experiment“ ein:

„Ein anderer Hauptvertreter der These, daß Pädophile ‚keine Schädiger oder gar Schänder‘ seien, ist der Hannoveraner Hochschullehrer Prof. Dr. Helmut Kentler, der behauptet, päderastische Verhältnisse könnten sich sehr positiv auf Jungen auswirken. Auch durch weibliche Päderasten entstehen nach Kentlers Theorie keine Schädigungen, ihr Nutzen sei hingegen groß.“

5. Zusammenfassung und Fazit (des Gutachtens) - Auszug

Zu den beiden Untersuchungspunkten
a) die Pflegestellen bei pädosexuellen bzw. päderastischen Hausmeistern (seit ungefähr 1970) und
b) der Umgang mit diesen Pflegestellen Ende der 1980er Jahre –
ist zunächst festzuhalten, dass Helmut Kentler von der Umbruchphase der ausgehenden 1960er Jahre profitierte, um bei der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport durchzusetzen, dass Pädosexuelle bzw. Päderasten gegen sexuelle Gegenleistung die Versorgung sogenannter Trebegänger/-innen übernahmen. Für die ausgehenden 1960er und beginnenden 1970er Jahre war in der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere in der Heimerziehung, „ein Suchen nach und Experimentieren mit neuen Formen und Inhalten“ kennzeichnend, beeinflusst in großem Maße von der APO.

In diesen Kontext gehört auch Kentlers „Experiment“. Dass er dessen Folgen beschönigte, wirft heute ein dunkles Licht auf ihn.

Gleiches trifft auf die damalige Senatsverwaltung zu: „Es ist ein Armutszeugnis ersten Ranges“, so hält Volkmar Sigusch treffend fest, „dass weggelaufene oder geistig zurückgebliebene Kinder von Amts wegen pädosexuellen Männern anvertraut wurden – weil sich niemand fand, sie ins Leben zu begleiten.“

Kentler nahm sich ihrer an und initiierte ein Projekt mit sozialpädagogischer Zielsetzung – weil er auf diese Weise offenbar hoffte, den Kindern bzw. Jugendlichen helfen zu können, sich aus dem Umfeld der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu lösen. Dass infolgedessen Straftaten begangen wurden, blendete er anscheinend aus.

Welche Mitarbeiterin in der Senatsverwaltung es war, die Kentler die Genehmigung für dessen Vorhaben erteilte, ließ sich jedoch nicht mehr ermitteln.

Auch weitere Unsicherheiten bleiben:

  • Wie viele Kinder bzw. Jugendliche waren von dem von Helmut Kentler initiierten „Experiment“ tatsächlich betroffen?
  • Wie alt waren sie wirklich?
  • Wann endete das „Experiment“?

Diese zentralen Fragen konnten bisher ebenfalls nicht beantwortet werden.

Möglicherweise werden aber im Rahmen des Projekts „Die Rolle des Sexualwissenschaftlers im Pädosexualitätsdiskurs – Zum Beispiel: Helmut Kentler“, das seit dem 1. Januar 2016 am Göttinger Institut für Demokratieforschung angesiedelt ist und bis Mitte März 2018 läuft, noch Antworten darauf gefunden. Ebenso könnten Akten im Landesarchiv Berlin, deren Schutzfristen in den nächsten Jahren bzw. Jahrzehnten auslaufen, Hinweise geben. So enthält beispielsweise die Akte B Rep. 020 (Bestand: Der Polizeipräsident in Berlin), Nr. 7848 unter anderem Materialien zum Pflegekinderschutz und zur Fürsorgeerziehung von Minderjährigen die Jahre 1954 bis 1970 betreffend. Doch deren Schutzfrist läuft noch bis zum 31. Dezember 2040; einem Antrag auf Verkürzung, den die Verfasserin des vorliegenden Berichts beim Landesarchiv Berlin gestellt hatte, wurde nicht stattgegeben.

Angesichts der Tatsache, dass es innerhalb der Pflegeverhältnisse zu Handlungen kam, die in den Bereich des sexuellen Missbrauchs fallen, sollte die Senatsverwaltung möglichst bald einen Ansprechpartner benennen, an den sich Betroffene wenden können, damit sie mit ihren leidvollen Erfahrungen nicht mehr länger allein sind und, sofern gewünscht, therapeutische Unterstützung erhalten. Darüber hinaus wäre über einen Hilfsfonds nachzudenken, über den Betroffene eine finanzielle Entschädigung bekommen können.

Man kann sich das, von heute aus betrachtet, kaum vorstellen: Sex zwischen Betreuern und ihren Schutzbefohlenen – gefördert von einer Behörde.

Wo, fragt man sich, blieb der große Aufschrei?

Die taz setzte sich im September 2013 ausführlich mit dem 'Experiement' auseinander. Sie versuchte über Personen, Situationen, Netzwerke und Überzeugungen der damaligen Zeit eine Antwort darauf zu geben, wieso es zu diesem 'Experiment' kommen konnte.
Hierzu aus der taz vom 14.9.2013

Im August 2015 wurde dem Senat klar, dass er das Kapitel aufarbeiten muss und er beabsichtigte die Beauftragung eines Gutachtens.
taz-Bericht

Unter dem Titel "Duldung von Missbrauch erreicht die Senatsebene" veröffentliche die Welt am 1.Juni 2015 einen Artikel
Die Welt

Als Anfang Dezember 2016 die Universität Göttingen ihr Gutachten veröffentlichte gab es eine Vielzahl von Medienberichten dazu.
Zusammenfassung der Medienberichte

Die taz schreibt am 2.12.1016:

Im Auftrag der Senatsverwaltung für Jugend und Bildung hat das Göttinger Institut für Demokratieforschung die Vorgänge aufgearbeitet.

Die Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig identifiziert in dem Bericht einen Kreis von vier Personen, die Ende der 1960er Jahre die Senatsmittel für das „Modellprojekt“ bewilligt haben könnten. Die wahrscheinlichste Kandidatin: Die damalige Jugendsenatorin Ilse Reichel-Koß selbst. Sie hatte den Pädagogen bereits einige Jahre zuvor mit einem Gutachten beauftragt und beide kannten sich aus Arbeitskreisen und Jugendgruppen, in denen die Senatorin und der Pädagoge an zentraler Stelle mitwirkten.

Die Quellenlage ist dürftig, viele Akten sind verschwunden und die Zeitzeugen wollen sich nicht erinnern, beklagt Nentwig. Kritische Stimmen, die etwa innerhalb der Justizverwaltung das pro-pädophile Gutachten von 1988 bemängelten, konnte die Politikwissenschaftlerin nicht ausmachen.

Auf der Webseite der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie erschien Anfang Dezember 2016 folgende Mitteilung:

Sexueller Missbrauch in den 70er Jahren - Gutachten zum "Experiment" von Helmut Kentler

Das Göttinger Institut für Demokratieforschung hat nach Auftragsvergabe durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft einen Bericht zur „Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung“ vorgelegt. Danach wurde Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre ein „Experiment“ von Helmut Kentler durch die damals für Jugend zuständige Senatsverwaltung genehmigt, in dem Jugendliche auf Trebegang an pädophile Pflegeväter mit dem „Ziel der Resozialisierung“ vermittelt wurden.
„Was damals mit Wissen der Senatsverwaltung geschehen ist, ist ein Verbrechen an den Betroffenen. Die Aufgabe einer Jugendverwaltung ist es, Kinder und Jugendliche vor Übergriffen zu schützen, hier wurden sie diesen ausgesetzt. Als Senatsverwaltung stellen wir uns heute dieser Verantwortung“, so Sandra Scheeres.

In Verantwortung des Schicksals dieser jungen Menschen hat die Senatsverwaltung ein Hilfesystem Berlin ins Leben gerufen, das helfen soll, die Folgen des sexuellen Missbrauchs bei den Betroffenen zu lindern. Sie ruft die Betroffenen auf, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Ansprechpartnerin in der Senatsverwaltung ist
Frau Anne-Katrin Roth
Telefon (030) 90227-5540
anne-katrin.roth@senbjw.berlin.de

Kentler-Gutachten - auf dieser Webseite des Senats wurde auch das Kentler–Gutachten veröffentlicht

Inhaltsverzeichnis der Forschungsstudie

  • 1. Einleitung: Fragestellungen und Quellenbasis
  • 2. Zur Person: Helmut Kentler
  • 2.1 Seine Biografie
  • 2.2 Sein Bild in der Öffentlichkeit früher und heute
  • 2.3 Prolog: Helmut Kentler und die Berliner Polizei im Sommer 1967
  • 2.4 Im Zentrum einer Kontroverse: Kentlers Zeit-Artikel „Von Lust ist nicht die Rede“ vom 7. Februar 1969
  • 2.5 Eine weitere Begebenheit: Kentler und das Sommerlager der Berliner Falken 1969
  • 3. Die Pflegestellen bei pädosexuellen bzw. päderastischen Hausmeistern
  • 3.1 Das „Experiment“ von ca. 1970 aus der Sicht Kentlers: Eine kritische Quellenanalyse
  • 3.2 Das „Experiment“ in Peter Schults Buch „Gefallene Engel“
  • 3.3 Das „Experiment“ von ca. 1970 aus heutiger wissenschaftlicher Sicht
  • 3.3.1 Zum Kontext: Die ausgehenden 1960er Jahre und die beginnenden 1970er Jahre
  • 3.3.2 Die Aktenlage
  • 3.3.3 Ulrich und die „anderen“ Jungen
  • 3.3.4 Sexuelle Beziehungen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen = sexueller Missbrauch?
  • 3.4 Das Gutachten von 1988: „Homosexuelle als Betreuungs- und Erziehungspersonen unter besonderer Berücksichtigung des Pflegekindschaftsverhältnisses“
  • 3.4.1. Die Entstehung des Gutachtens
  • 3.4.2 Die Reaktionen auf das Gutachten
  • 3.4.3 Die Veröffentlichung des Gutachtens und unmittelbare Reaktionen darauf
  • 3.4.4 Die Folgen des Gutachtens
  • 3.4.5 Die Frage nach dem Warum
  • 3.4.6 Wissenschaftliches Fehlverhalten?
  • 4. Die „Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation“
  • 4.1 Das Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen
  • 4.2 „Mann-O-Meter“
  • 4.3 Zur Entstehung, zum Inhalt und zur Weiterentwicklung der „Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation“
  • 4.4 Der Bundesverband Homosexualität e. V.
  • 4.5 Weitere Verbände der „Adressenliste zur schwulen, lesbischen & pädophilen Emanzipation“
  • 5. Zusammenfassung und Fazit
  • 6. Forschungsperspektiven
  • 7. Quellen- und Literaturverzeichnis
  • 7.1 Ungedruckte Quellen
  • 7.2 Gedruckte Quellen
  • 7.3 Internetquellen
  • 8. Abkürzungsverzeichnis
  • 9. Abbildungsnachweis

Die Studie hat insgesamt einen Umfang von 175 Seiten.