Kulturspezifische Belastungen in Pflegefamilien

Kategorien

Thema: Pflegefamilie Migrationshintergrund Pflegekind

Personen / Institutionen: Kristina Schneider

17.10.2017
In Zeiten von Einwanderung und Flucht stellt die Unterbringung von Pflegekindern mit Migrationshintergrund ein sich ausweitendes Phänomen in der Bundesrepublik dar. Hier werden besonders die Belastungen in Pflegefamilien und die Rahmenbedingungen von interkulturell untergebrachten Pflegekindern betrachtet.

Auszüge aus der Masterarbeit "Umgang mit kultureller Differenz in Pflegefamilien – Belastungen und Bewältigungsformen" von Kristina Schneider an der Universität Siegen 2014.

Aus den vorhergehenden Abschnitten (der Masterarbeit d. Red.) ist bereits deutlich hervor gegangen, dass sich ein Pflegeverhältnis aus unterschiedlichen Kulturen zusammensetzt und unterschiedliche Familienkulturen miteinander verbindet. [...]

Migrationshintergrund meint und umfasst in diesem Zusammenhang:
"alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil". (Statistisches Bundesamt 2010)

In Zeiten von Einwanderung und Flucht stellt die Unterbringung von Pflegekindern mit Migrationshintergrund ein sich ausweitendes Phänomen in der Bundesrepublik dar. Im Jahr 2007 betrug der Prozentanteil der Personen mit Migrationshintergrund 27,3% der deutschen Bevölkerung bis 25 Jahre. (Migrationshintergrund bedeutet in diesem Kontext: im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, aber mindestens ein Elternteil mit ausländischem Ursprung).

Das heißt ca. ein Viertel der Menschen unter 25 Jahren konnte 2007 einen Migrationshintergrund vorweisen. Hinsichtlich der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung kann festgehalten werden, dass 2007 0,45% der gesamten jungen Menschen in Deutschland unter 27 Jahren, Hilfen nach §33 und §34 des SGB VIII (jeweils zur Hälfte) erhielten. Von diesen gesamt gewährten Vollzeitpflegen (0,22%), besaßen 9105 der Pflegekinder einen Migrationshintergrund, 40586 Kinder waren deutscher Herkunft. Obwohl nur wenige Daten hinsichtlich der Unterbringung von Pflegekindern mit Migrationshintergrund vorliegen, kann dennoch festgehalten werden, dass die Hauptgründe für eine Unterbringung der Pflegekinder mit Migrationshintergrund 2007 mit 41% in einer „Kindeswohlgefährdung“ und 20% im „Tod eines Elternteils“ identifiziert wurden.

Im Hinblick auf das Thema „Rückführung kann festgehalten werden, dass 11% der Kinder mit Migrationshintergrund in die Ursprungsfamilie zurückkehrten, während nur 5% der Kinder ohne Migrationshintergrund in die Herkunftsfamilie zurück wechselten. (vgl. Sievers und Thrum 2010) Über die Gründe unterschiedlicher Prozentanteile hinsichtlich „Rückführung“ geben die Daten jedoch keinen Aufschluss. Es bleibt zu vermuten, dass entweder die Erziehungsfähigkeit bei Eltern mit Migrationshintergrund eher wieder hergestellt wurde, als bei „deutschen“ Eltern, oder, dass Pflegeverhältnisse mit Migrantenkindern häufiger scheiterten, als Pflegeverhältnisse mit „deutschen“ Kindern. Ich möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass das Material des Deutschen Jugendinstitutes (DJI) keinesfalls Aufschluss darüber liefert, inwiefern die Pflegekinder in „deutschen“ Pflegefamilien oder in Pflegefamilien mit eigenem Migrationshintergrund untergebracht wurden. Diese Information muss unbedingt berücksichtigt werden.

Im Rahmen eines Zusammenlebens unterschiedlicher Ethnien und Kulturen im Pflegeverhältnis können sich bestimmte ethnische sowie kulturelle Themen für bestimmte Beteiligte zu Belastungen entwickeln. Im Folgenden möchte ich mich zunächst kurz dem Begriff der „Belastung“ zuwenden bevor ich mögliche kulturspezifische und ethnische Belastungen im Rahmen von Pflegeverhältnissen näher skizzieren kann. Im weiteren Verlauf wird der Einfachheit halber nur noch der Begriff der „kulturspezifischen Belastung“ Verwendung finden. [...]

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich hinsichtlich der Belastungsthematik einige wenige kulturspezifische Belastungen ausgewählt habe, die mir für eine weitere Auseinandersetzung als äußerst relevant erscheinen. [...]

Belastungen

Der Begriff „Belastungen“ ist schwer definierbar. Was sind Belastungen? Mit Sicherheit würde jeder Mensch bei dem Versuch einer Beantwortung zu einem anderen Ergebnis kommen, denn Belastungen gestalten sich individuell und werden darüber hinaus auch individuell wahrgenommen. Dennoch kann eine Annäherung an den Begriff stattfinden, wenn man sich mit der Frage auseinander setzt, wie Belastungen entstehen. Dazu möchte ich folgende erste Ausführungen auf die Überlegungen von Klaus Wolf (2007) zur Belastungs-Ressourcen-Balance stützen.

Laut Wolf muss jeder Mensch über die gesamte Lebensspanne verschiedene Aufgaben erfüllen. Diese lassen sich unterscheiden in spezifische Aufgaben und allgemeine Entwicklungsaufgaben. Manche dieser Aufgaben sind direkt lösbar, andere können sich so kompliziert und komplex gestalten oder derart wahrgenommen werden, dass sich ihre Lösung als problematisch erweist. Dementsprechend entsteht ein Problem dann, wenn die direkte Erfüllung einer Aufgabe fehlschlägt. Im Hinblick auf den Begriff „Problem“, lässt sich festhalten, dass sich diese von Mensch zu Mensch individuell gestalten, dass man allerdings davon ausgehen kann, dass Gruppen von Menschen ähnlichen Problemen ausgesetzt sein können. Das hängt vor allem auch damit zusammen, dass diese Gruppen auch ähnliche Entwicklungsaufgaben verbindet.

Doch wie hängt der Begriff „Belastung“ mit dem Begriff „Problem“ zusammen?

Wolf formuliert in diesem Zusammenhang, dass Probleme nicht gelöst, sondern nur bewältigt werden können. Diese Annahme impliziert, dass Probleme nicht verschwinden können, dass allerhöchstens ein Weg gefunden werden kann, mit den Problemen umzugehen und sie vom Belastungsfaktor zu isolieren. Dies kann in Form einer Transformation des Problems in eine weniger schwere Aufgabe erfolgen.

Schlägt diese Transformation fehl, kann ein Problem nicht bewältigt werden bzw. stellt sich zumindest das Gefühl ein, dass es nicht bewältigt werden kann, entsteht Belastung. Je länger ein unbewältigtes Problem, und manche Probleme können sich kontinuierlich durch das ganze Leben ziehen, Bestand hat und je mehr unbewältigte Probleme aufeinander treffen, desto intensiver wird das Belastungsgefühl. Laut Wolf, ist vor allem die Kombination von finanziellen Belastungen und biographischen Belastungen prädestiniert dafür, besonders schwerwiegende Belastungen hervorzurufen, da diese relativ schwer zu beeinflussen sind und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einschränken.

Extreme Belastungen gehen also häufig mit einem Gefühl des Kontrollverlusts und der Hilflosigkeit einher und sind deshalb so gefährlich. Denn Hilflosigkeit führt häufig zu extremer Verhaltensänderung und zur Eskalation.

Eng verbunden mit dem Aspekt der Belastung ist der Begriff des „Scheiterns“.

Unterschieden wird temporäres und absolutes „Scheitern“. In der Lebenspraxis wird häufig der Begriff des temporären „Scheiterns“ verwendet, der impliziert, dass eine fehlgeschlagene Krisenbewältigung unter Umständen auch zu Neuorientierung und erweiterten Handlungsoptionen führen kann. „Temporäres Scheitern“ hat also keineswegs nur negative Seiten. Absolutes Scheitern hingegen bietet keine Optionen einer Krisenbewältigung.

In Pflegeverhältnissen kann sich ein absolutes Scheitern beispielsweise auf den unmöglichen Verbleib eines Pflegekindes in seiner Pflegefamilie beziehen.
Unbewältigbare Krisen können Auslöser für ein Scheitern von Pflegeverhältnissen sein.

Gehres (2007) nennt drei verschiedene Gründe, die ein Scheitern von Pflegeverhältnissen begünstigen können:

  • Ein wesentlicher Grund kann in der Nicht-Anerkennung doppelter Elternschaft durch die Pflegeeltern lokalisiert werden. Nicht-Anerkennung bedeutet unter anderem, dass sich die Pflegeeltern nicht mit den leiblichen Eltern, deren Herkunftsmilieu und den damit verbundenen Werten, Normen und Orientierungen auseinandersetzen möchten. Das Gelingen eines Pflegeverhältnisses hängt jedoch von einem guten und regelmäßigen Informationsaustausch zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern ab.
  • Ein „Scheitern“ kann auch erfolgen, wenn das Milieu der Pflegefamilie nur wenige Impulse zur Identitätsausbildung des Pflegekindes beitragen kann. Das Pflegeverhältnis muss in dieser Hinsicht eine gute Alternative zum Herkunftskontext darstellen. In diesem Kontext stellt sich die Frage, wie solche Impulse und eine solche Alternative aussehen müssten, damit das Pflegekind eine Identität ausbilden und Alternativerfahrungen in der Pflegefamilie wahrnehmen kann?
  • Ein letzter Grund für absolutes Scheitern spiegelt sich in einer stark ausgeprägten Loyalität des Pflegekindes zu seiner Herkunftsfamilie, die es ihm unmöglich macht, sich dem neuen Beziehungsangebot der Pflegefamilie zu öffnen.

Im Hinblick auf die bereits ausführlich thematisierte kulturelle Differenz in Pflegeverhältnissen bleibt festzuhalten, dass zu den allgemein beschriebenen Belastungen kulturspezifische Themen hinzukommen können. Diese könnten sich unter Umständen zum Problem entwickeln, unter den falschen Umständen nicht bewältigt werden und möglicherweise in einem temporären oder absoluten Scheitern resultieren. Denn bestimmte Gegebenheiten sind möglicherweise nicht veränderbar. Mit den daraus resultierenden spezifischen Belastungen möchte ich mich im Folgenden auseinandersetzen.