Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit

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Thema: Eigenverantwortung Lernbehinderung Selbstwirksamkeit

Personen / Institutionen: Martina Ziegler

03.05.2017, letzte Aktualisierung am 13.05.2017
Zur Bedeutung von Selbstwirksamkeit für und bei Kindern und Jugendlichen mit Lernbehinderung. - Wer Kinder und Jugendliche stärken möchte, sollte die entsprechenden Prozesse kennen. Selbstwirksamkeit entsteht nicht von selbst, sondern ist eingebunden in Erfahrungen und abhängig von der Umwelt und ihren Bedingungen. Je nachdem, wie sie auf ihr Kind reagieren, können sie die Entwicklung seiner Selbstwirksamkeit unterstützen oder hemmen.

Eigenverantwortliches Handeln hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Von erwachsenen Menschen – auch von Menschen mit Behinderungen – wird erwartet, dass sie ihr Leben selbst gestalten und so über ihre Teilhabe mitbestimmen können.

Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit sind eng miteinander verbunden. Denn wer eigenverantwortlich handeln will, muss die Erfahrung gemacht haben, dass er mit seinen Handlungen erfolgreich ist und dadurch seine Zukunft selbst gestalten kann. Eigenverantwortung kann nur übernehmen, wer der Überzeugung ist, dass er sein Leben unter Kontrolle hat und positiv beeinflussen kann. Diese Überzeugung wird auch mit dem Begriff Selbstwirksamkeit beschrieben.

Selbstwirksamkeit spielt in allen Bereichen unseres Lebens eine wichtige Rolle, sie prägt die Gestaltung unseres Lebensentscheidend mit. Wer Kinder und Jugendliche stärken möchte, sollte die entsprechenden Prozesse kennen – und selbst eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung haben.

I Was bedeutet Selbstwirksamkeit?

Der Begriff „Selbstwirksamkeit“, eine Übersetzung des englischen „self-efficacy“, wurde durch den Psychologen Albert Bandura geprägt. Die „Selbst-Wirksamkeit“ eines Menschen bezieht sich darauf, dass er „selbst wirksam“ werden kann. Damit wird beschrieben, dass und wie man aus eigener Kraft, dank individueller Fähigkeiten, etwas bewirken und somit etwas erreichen kann.

Diese Wirksamkeit bezieht sich auf die Handlung selbst, ist dabei aber zugleich auf das angestrebte, erwünschte Ergebnis bzw. Ziel ausgerichtet. Denn Ziele und Ergebnisse sind oft der Ausgangspunkt einer Handlung: Wir wollen etwas erreichen. Wie wir dies erreichen, hängt dann nicht nur von unseren eigenen Fähigkeiten ab, sondern auch von den äußeren Umständen.

Damit Selbstwirksamkeit einen Einfluss auf unser Handeln haben kann, ist entscheidend, dass sie bewusst wahrgenommen (perceived self-efficacy) wird:
Wir wissen um unsere Selbstwirksamkeit und glauben an uns. Dieser Glaube an die eigenen Fähigkeiten umschreibt hier unsere Erwartungen, Einschätzungen, Überzeugungen oder Urteile im Zusammenhang mit unserem Handeln.

Wir sind davon überzeugt, dass wir – aufgrund unserer Fähigkeiten und Kompetenzen – Handlungen so planen und ausführen können, dass wir – auch in Zukunft – neue und schwierige Situationen meistern können.

Die Einstellung, mit der eine Person an ihr Handeln herangeht, wird auch als Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) bezeichnet. Sie bezeichnet die eigene Erwartung, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen erfolgreich selbst ausführen zu können.

Selbstwirksamkeit steht somit im Spannungsfeld von

  • individuellen Überzeugungen (der Glaube an sich selbst),
  • einer angemessenen Einschätzung der momentanen Situation und
  • individuellen Vorstellungen der Ziele bzw. Ergebnisse.

Warum ist Selbstwirksamkeit wichtig?

Selbstwirksamkeit, vor allem die Erwartung unserer Selbstwirksamkeit, hat einen großen Einfluss darauf, wie wir unser Leben gestalten (können) und welche Möglichkeiten wir im Leben haben.

Sie kommt insbesondere dann zum Tragen, wenn neue Herausforderungen oder schwierige Situationen bewältigt werden müssen. Ereignisse, die nicht alltäglich sind, sondern unerwartet auftreten, können uns herausfordern – und gegebenenfalls auch überfordern. Wir können nicht auf bewährte Mechanismen zurückgreifen und uns nicht an unsere Routine halten. In diesen Momenten hilft es, wenn wir an unsere Selbstwirksamkeit glauben.

Dazu zählt, dass wir überzeugt sind, auch in schwierigen oder neuen Situationen etwas leisten zu können. Wir „erwarten“ von uns selbst, dass wir ein Problem lösen können. Nicht nur, weil wir unsere Fähigkeiten richtig einschätzen können, sondern auch, weil wir die äußeren Umstände richtig einschätzen können und wissen, welche Ziele wir erreichen möchten.

Selbstwirksamkeit beschreibt dementsprechend nicht den allgemeinen, grundsätzlichen Glauben an sich selbst (Selbstvertrauen), sondern bezieht sich auf einzelne Situationen und Bereiche.

Selbstwirksamkeit bezieht sich dabei auch auf eine realistische (aber positive) Einschätzung der eigenen Fähigkeiten – und steht so auch im Gegensatz zur Selbstüberschätzung.

Selbstwirksamkeit im Prozess

Bevor wir in einer spezifischen Situation handeln, geschieht viel in unserem Kopf: Wir analysieren (bewusst oder unbewusst) die Bedingungen, unsere Wünsche und Ziele und schätzen darauf bezogen unsere Fähigkeiten und Kompetenzen ein. Schließlich wollen wir ein bestimmtes Ziel oder Ergebnis erreichen. Dementsprechend planen wir unsere Handlung. Wir denken (bewusst oder unbewusst) über unsere nächsten Schritte nach. In dieser Phase motivieren wir uns für eine Handlung.

Dazu gehört auch, dass wir abwägen:

  • Wie kann ich mein Ziel erreichen?
  • Führt diese Handlung zu diesem Ziel?
  • Habe ich die Fähigkeit, diese Handlung
  • durchzuführen? Passen auch die äußeren Umstände?

In dieser Phase der Motivation kommt unsere Selbstwirksamkeitserwartung ins Spiel. Sie entscheidet, ob wir uns eine Handlung zutrauen oder nicht. Glauben wir daran, dass wir unser Ziel erreichen können? Erst im Anschluss an diese Vorüberlegungen und Entscheidungen handeln wir – oder auch nicht.

Durch die Erfahrung unserer Selbstwirksamkeit werden unser Fühlen und Denken, unsere Selbstmotivation und das daraus resultierende Handeln in einer spezifischen Situation bestimmt.

Sind diese Erfahrungen positiv, erleben wir das Gefühl, durch das eigene Handeln etwas bewirken oder ändern zu können. Auf diese Weise beeinflusst unsere Selbstwirksamkeitserwartung auch unser Handeln.

Der Einfluss der Selbstwirksamkeitserwartung

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt anschaulich, wie unsere inneren Einstellungen, Haltungen und Überzeugungen einen Einfluss auf unser Verhalten und unsere Handlungen haben. Die Einstellung, die eine Person zur Wirksamkeit ihres Handelns hat, wirkt sich stets auf das Ergebnis ihres Handelns aus.

Auch Kinder und Jugendliche, die sich selbst nicht viel zutrauen, sind unsicher und bremsen sich selbst in ihrem Handeln. Sie sind davon überzeugt, dass ihr eigenes Handeln keine (positiven) Auswirkungen hat – und verhalten sich entsprechend.

"Tina würde gerne ihre Freundin besuchen, dazu müsste sie mit dem Bus und dem Zug in die nächste größere Stadt fahren und dabei zweimal umsteigen. Sie glaubt nicht, dass sie das allein schafft. Also bleibt sie lieber zu Hause."

Kinder und Jugendliche dagegen, die an sich selbst glauben, sind mutiger und selbstbewusster. Allein durch diese (innere) Einstellung gelingen ihnen viele Sachen besser. Nicht zuletzt, weil sie davon überzeugt sind. Sie haben die Überzeugung, dass sie das, was sie gerade machen wollen, auch wirklich machen können.

"Tinas Freundin dagegen ist sich sicher, dass sie das kann. Schließlich war sie schon oft genug mit ihren Eltern zu Besuch bei Tina und kennt den Weg. Unterwegs muss sie zwar den Busfahrer fragen, ob das der richtige Bus ist und wo sie aussteigen muss, aber sie kommt sicher bei Tina an."

Das heißt nicht, dass Tinas Freundin wirklich besser mit Bus und Bahn fahren kann. Es bedeutet nur, dass sie an sich glaubt. Bereits der Glaube an uns und unsere Wirksamkeit hat einen starken Einfluss auf unseren tatsächlichen Erfolg. Die Antwort auf die Frage: „Schaffe ich das?“ entscheidet mit darüber, ob unser Handeln erfolgreich ist oder nicht. Und zwar viel mehr, als unser Erfolg von unseren tatsächlichen Fähigkeiten abhängt.

Wer denkt: „Das geht bestimmt schief!“, wundert sich nicht, dass es tatsächlich schiefgeht – das nennt man dann auch eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“. Kinder, die wie Tina davon überzeugt sind: „Das schaffe ich nicht!“, behindern sich dadurch selbst. Sie haben eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung und sind deshalb auch der Überzeugung, dass sie mit ihren Fähigkeiten und ihrem Verhalten nicht viel bewegen können.

Wer dagegen optimistisch an eine schwierige Aufgabe herangeht („Das schaffe ich schon!“), hat eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung. Er ist überzeugt, dass er selbst etwas bewirken kann. Dieses Vertrauen in die eigene Stärke und das eigene Leistungsvermögen ist dabei auch ein wichtiges Merkmal der (kindlichen) Resilienz. Resiliente Kinder zeigen eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung.

Entscheidend ist allerdings auch die Angemessenheit der Selbstwirksamkeitserwartung: Eine hohe SWE bedeutet nicht, dass man sich alles zutraut und so sich und seine Fähigkeiten überschätzt, sondern dass man eine Situation realistisch einschätzt.

(Aus-)Wirkungen einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung

Untersuchungen und Beobachtungen zeigen, dass die Selbstwirksamkeitserwartung in ganz unterschiedlichen Bereichen Auswirkungen auf den Erfolg des Handelns hat. So haben Menschen, die über einen starken Glauben an die eigene Kompetenz verfügen, größere Erfolge in Ausbildung und Berufsleben, im Sport und in der Freizeit. Denn Selbstwirksamkeit beeinflusst Leistungs- und Motivationsprozesse.

An dieser Stelle zeigt sich, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Einstellung und dem Handlungserfolg besteht. Wer mit einer positiven Einstellung an neue und schwierige Aufgaben herangeht, kann sich leichter motivieren und ist dadurch motivierter. Bereits die Überzeugung „Ich schaffe das!“ erhöht die Arbeitsbereitschaft. Wer mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung an eine Aufgabe herangeht, ist bereit, sich anzustrengen.

Dies hat weitreichende Auswirkungen, zum Beispiel dass

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