Bedarfe von und notwendige Rahmenbedingungen für Pflegeeltern beim Zusammenleben mit behinderten Kindern

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Thema: Standards in der Jugendhilfe Kind mit Behinderung

Personen / Institutionen: Bodo Krimm Erziehungsbüro Rheinland gGmbH Peter Kreuels

04.12.2016, letzte Aktualisierung am 10.12.2016
Pflegeeltern sind nicht gesetzlich zur Pflege und Erziehung des ihnen anvertrauten Kindes verpflichtet, sondern entscheiden sich freiwillig dazu, diese Aufgabe zu übernehmen. Nehmen sie ein von Behinderung betroffenes oder bedrohtes Kind auf, sind sie auf geeignete Rahmenbedingungen und Unterstützungen angewiesen, um diesem Kind ein inklusives Aufwachsen und entsprechende Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

I. Einleitung

Inklusion ist in aller Munde. Im Blick sind dabei die Schulen, die Arbeitswelt, eine barrierefreie Öffentlichkeit und Vieles mehr. Was aber liegt näher als die inklusive Familie? Familie sollten idealerweise der Ort sein, in dem jedes ihrer Mitglieder sich seinen Bedarfen entsprechend entwickeln und einbringen darf. In einer Pflegefamilie überschneiden sich öffentlicher und freier Raum. Pflegeeltern sind nicht gesetzlich zur Pflege und Erziehung des ihnen anvertrauten Kindes verpflichtet, sondern entscheiden sich freiwillig dazu, diese Aufgabe zu übernehmen. Nehmen sie ein von Behinderung betroffenes oder bedrohtes Kind auf, sind sie auf geeignete Rahmenbedingungen und Unterstützungen angewiesen, um diesem Kind ein inklusives Aufwachsen und entsprechende Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

Mit dem folgenden Beitrag sollen aus der Perspektive von Mitarbeiter/innen eines freien Trägers für Erziehungsstellen (Erziehungsbüro Rheinland gGmbH) Strukturprobleme der Pflegekinderhilfe im Hinblick auf die Unterbringung von Kindern mit Behinderungen in Pflegefamilien erläutert sowie die entsprechenden Bedarfe von Pflegefamilien abgeleitet werden. Zur Veranschaulichung soll dies anhand eines Fallbeispiels erfolgen. Anschließend werden Unterstützungsmöglichkeiten durch eine gelingende Fachberatung aufgezeigt, die über die Beratung zu Erziehungsfragen hinausgehend zur Entwicklung und Gestaltung eines professionellen Settings für Pflegefamilien beitragen kann.

Seit 2009, dem Jahr der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, sowie seit der anschließend normierten befristeten Regelung einer Rechtsgrundlage im SGB XII zur Unterbringung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Pflegefamilien ist zu beobachten, dass die Anzahl der Pflegeverhältnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen zugenommen hat. Dem Bedarf dieser Kinder und Jugendlichen und ihrer Pflegefamilien gerecht zu werden, stellt die Fachdienste vor neue Herausforderungen. Erschwerend wirkt sich das Fehlen bundeseinheitlicher gesetzlicher Regelungen zur Finanzierung, Ausstattung, zu unterstützenden Leistungen, Beratung und Begleitung von Pflegefamilien mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung sowie zur Qualität und Ausstattung von begleitenden und beratenden Fachdiensten aus.

II. Friktionen aufgrund der nicht inklusiven Zuständigkeitsverteilung

Die Rechtssituation im Hinblick auf die Zuständigkeit ist nach wie vor unbefriedigend. Aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeit für Kinder ohne oder mit bestehenden bzw. drohenden seelischen Behinderung der Kinder- und Jugendhilfe einerseits und der Zuständigkeit für Kinder und Jugendlichen mit körperlichen oder geistigen bestehenden oder drohenden wesentlichen Behinderungen der Sozialhilfe andererseits bedarf es eines verlässlichen Kriteriums der Abgrenzung. Dieses hat die Praxis mit der Ermittlung des IQ gefunden: Für Kinder mit einem IQ unter 69 liegt die Zuständigkeit beim Sozialhilfeträger. Für Kinder mit einem IQ von 70 und darüber ist die Kinder- und Jugendhilfe zuständig. Ob eine solche Abgrenzung im Ergebnis den Bedarfen der betroffenen Kinder und Jugendliche gerecht wird, sei dahingestellt.

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Was dies für die Kinder und ihre Pflegefamilie wie auch den begleitenden Fachdienst bedeutet, sei in dem nachfolgenden Praxisbeispiel dargestellt:

III. Erfahrungen aus der Praxis

1. Ein Beispiel – Fin und Bastian

Fin und Bastian sind Zwillinge und als Frühgeburten zur Welt gekommen. Fin verbrachte seine ersten fünf Monate im Krankenhaus, wobei Bastian schon früher in einer Bereitschaftspflegefamilie leben konnte. Ein Aufwachsen in der Herkunftsfamilie war ausgeschlossen. Die weiteren zehn Monate waren geprägt von akuten lebensbedrohlichen Krankenaufenthalten von Fin und immer wieder wechselnden Bereitschaftsunterbringungen beider Kinder. Bei einem Fachdienst der freien Pflegekinderhilfe wurde angefragt, ob eine Unterbringung von Fin und Bastian in einer Erziehungsstelle möglich sei. Für die Kinder wurde eine Pflegefamilie gefunden, die Pflegemutter ist Erzieherin. Mit 15 Monaten wurden Fin und Bastian in dieser Erziehungsstelle aufgenommen, in der noch ein leiblicher Sohn lebt. Der Zustand von Fin stabilisierte sich, allerdings blieb der bei Zwillingen ohnehin schon hohe Bedarf an pädagogischem Einsatz, aufgrund der Entwicklungsrückstände beider Kinder, extrem. Bei Fin wurde ein Säuglingshospitalismus diagnostiziert und forderte die Pflegeeltern besonders.

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Diese Fallgeschichte steht exemplarisch für viele Pflegefamilien, die Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aufnehmen. Sie könnte noch weiter beschrieben werden, frei nach dem Motto „nach der Krise ist vor der Krise“.

2. Strukturprobleme der Pflegekinderhilfe für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen

Die überwiegende Anzahl der Pflegefamilien mit einem behinderten Kind ist noch immer auf sich allein gestellt oder erhält weder ausreichende Beratung noch ergänzende Unterstützungsleistungen. In der Zusammenarbeit mit Pflegeeltern beobachten wir zunehmend, dass diese sich angesichts der häufig rigiden Sparpraxis der Kommunen in einem ständigen Kampf um angemessene Unterstützung befinden. Neben der meist sehr aufwändigen Pflege und Betreuung ihres Kindes mit einer Behinderung, mit der ein erheblicher zeitlicher Einsatz und oft auch eine besondere emotionale Belastung einhergehen, fehlt es ihnen an Ressourcen, sich im Dschungel der unterschiedlichen rechtlichen Bestimmungen zurechtzufinden, um die ihnen gesetzlich zustehenden Hilfen für ihr Kind und sich in Anspruch nehmen zu können.

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IV. Leistungen eines spezialisierten Fachdienstes

Angesichts der geschilderten Situation sehen wir einen dringenden Bedarf für den Einsatz von Fachberater/innen mit einem Expertenwissen aus dem Bereich sowohl der Pflegekinderhilfe als auch der Eingliederungshilfe. Soweit die öffentlichen Träger der Sozial- sowie der Kinder- und Jugendhilfe diese spezifischen Querschnittskompetenzen nicht vorhalten oder es ihnen an personellen Ressourcen mangelt, haben sie die Möglichkeit, Erziehungsstellenträger oder Fachpflegekinderdienste mit der Vermittlung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Pflegefamilien zu beauftragen und diese in der Folge zu begleiten. Zudem ist es möglich, die Begleitung bereits bestehender Pflegeverhältnisse, bei denen die Behinderung des Kindes oder Jugendlichen erst zu einem späteren Zeitpunkt diagnostiziert wurde, an diese zu übertragen.

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Dieses umfangreiche professionelle Setting für Pflegefamilien soll einerseits zur Unterstützung im Alltag dienen und andererseits zu einer professionellen Kommunikations- und Interventionskultur zwischen Pflegefamilien und Fachberater/innen beitragen.

V. Forderungen an die Gesetzgebung

Deutschland ist gemäß Art. 23 UN-BRK dazu verpflichtet, alle Anstrengungen zu unternehmen, um für Kinder mit Behinderungen, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können, Möglichkeiten zu schaffen, damit diese in einem familiären Umfeld aufwachsen können. Die Akquise von Pflegeeltern allein reicht dafür nicht aus. Eine Pflegefamilie, in der ein von Behinderung betroffenes Kind verlässliche Bindungen eingehen darf und soll, benötigt verlässliche Unterstützung und Begleitung.

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Als freier Träger für Erziehungsstellen setzen wir uns dafür ein, dass für die Betreuung und Pflege eines Pflegekindes mit Behinderung ein Rahmen geschaffen wird, in dem Pflegeeltern nicht an den Rand der Überforderung gebracht werden, sondern in die Lage versetzt werden, langfristig der anspruchsvollen Pflege und Betreuung des Kindes gerecht zu werden.

Quelle: JAmt 2016, 471 mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht e. V. (DIJuF), Heidelberg, www.dijuf.de.