„Da waren meine Eltern nicht aufmerksam genug“

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Thema: Pflegefamilie Leibliche Kinder der Pflegeeltern

Personen / Institutionen: Melanie Arns

26.07.2017, letzte Aktualisierung am 31.07.2017
Leibliche Kinder von Pflegeeltern als unentdeckte Adressat*innen im Pflegekinderwesen.
Der vorliegende Artikel begründet anhand eines Einblicks in die Erfahrungen leiblicher Kinder in Pflegefamiliensettings, wieso auch ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss – zuvorderst im Hinblick auf ihr eigenes Wohl, aber auch mit Blick auf einen erfolgreichen Verlauf des Pflegeverhältnisses für das Pflegekind selbst.

Das Pflegekinderwesen macht es sich tagtäglich zur Aufgabe, Kindern kurz- oder langfristig ein neues zu Hause zu geben und steht dabei mit Blick auf bestmögliche Integration des Pflegekindes in das Pflegefamiliensetting und gleichzeitig die meist angestrebte Rückführung des Kindes in seine Herkunftsfamilie vor der großen Herausforderung, Bedürfnisse und Anliegen des Pflegekindes, der Herkunftsfamilie und Pflegeeltern unter einen Hut zu kriegen. Allerdings spielen in Pflegefamilien auch die darin lebenden leiblichen Kinder der Pflegeeltern eine bedeutende Rolle, welche ihnen jedoch fälschlicherweise bis dato nicht hinreichend zugesprochen wird.

Kinder, die ihre Herkunftsfamilie aufgrund schwieriger Umstände verlassen müssen, können nach §33 SGB VIII von einer Pflegefamilie aufgenommen oder nach §34 SGB VIII in einer alternativen Wohnform wie etwa einer Familienwohngruppe (FWG) untergebracht werden und dort kurz- oder langfristig ein neues zu Hause finden. Die damit verbundenen Umstellungen sind für keines dieser Pflegekinder einfach und können mit großen Problemen und Unterstützungsbedarf verbunden sein. Hier stehen ihnen die zuständigen Pflegekinderdienste zur Verfügung, die sich gleichzeitig auch um die Pflegeeltern sowie die Herkunftseltern der Pflegekinder kümmern. Bis dato fehlt jedoch weitestgehend die Auseinandersetzung mit in den Pflegefamiliensettings lebenden leiblichen Kindern der Pflegeeltern. Sie werden in den bisherigen Ausführungen zum Thema Pflegekinderwesen bis auf wenige Ausnahmen als bloße „Anhängsel der Eltern“ (Marmann 2005) komplett ausgeblendet. Dabei bedeutet die Aufnahme eines Pflegekindes in die Familie nicht nur für das Pflegekind selbst einen großen Umbruch in dessen Leben, sondern auch für die Pflegefamilie und die leiblichen Kinder ist der neue Alltag eine Herausforderung, die gemeistert werden will. Laut einer Studie schätzen nur circa fünf Prozent der Pflegeeltern das Pflegefamiliensetting für ihre eigenen Kinder als durchweg positiv ein (Riedle/Gillig-Riedle/Ferber-Bauer 2008).

Bisherige Kenntnisse zum Thema leibliche Kinder in Pflegefamilien

Der Wunsch nach Normalität und Bewahren der Familienidentität der Kernfamilie

Pflegefamilien sowie Familienwohngruppen sind in ihrer Abgrenzung nach außen hin durch das Mit- und Einmischen des zuständigen Jugendhilfeträgers eingeschränkt. Das Herstellen eines Wir-Gefühls und einer festen Familienidentität kann durch Faktoren wie die Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie des Pflegekindes oder Unsicherheiten bezüglich der Dauer des Pflegeverhältnisses für alle Familienmitglieder zur besonderen Herausforderung werden (Wiemann 2005; Jurczyk 2014). Die Bedingungslosigkeit des Familien-Daseins, der sich 'natürlicher zusammengesetzte‘ Familien ausgesetzt sehen, geht nicht nur durch die unkonventionelle Konstituierung der Pflegefamilien verloren, sondern auch aufgrund an das Pflegekinderwesen gekoppelter Voraussetzungen wie die Möglichkeit des abrupten Abbruchs des Pflegeverhältnisses und die teils sehr spontane Aufnahme eines Pflegekindes. Leibliche Kinder wünschen sich daher nicht selten, in einer nach ihren Vorstellungen "normalen“ Familie aufzuwachsen, was sie mitunter durch die klare Abgrenzung von ihren Pflegegeschwistern oder aber auch von der Familie an sich durch Fernbleiben vom Alltagsgeschehen oder gegenteilig durch den Aufbau eines besonders innigen Verhältnisses zu ihren Eltern zu verdeutlichen suchen (Marmann 2005; Sandmeir 2011). Dies erschwert den Aufbau einer geschwisterähnlichen Beziehung zu den Pflegekindern, was zudem die erfolgreiche Integration dieser in die Familie gefährdet. Auch gegenüber Außenstehenden versuchen leibliche Kinder oft, die eigene Familie klar als möglichst "normale“ Familie darzustellen, um ihr Gefühl des Anders-Seins zu reduzieren (Wiemann 1997).

Überforderung und Rollenkonflikte durch das Einnehmen einer Helferrolle

In der Familie lebende leibliche Kinder geraten nicht selten in eine Helfer*innenrolle, der sie meistens nicht gewachsen sind (Sandmeir 2011). Dies kann etwa in Verbindung mit eigenen Anstrengungen mit den Eltern gegenüber dem Pflegekind in eine Art Pakt einzutreten oder durch teils unbewusste Einbindung in die Erziehung des Pflegekindes durch die Eltern der Fall sein. Die „Kleinen Pädagogen“ (Marmann 2005) werden durch die damit verbundenen Rollenerwartungen im für die eigene Entwicklung wichtigen Kind-Sein eingeschränkt. Je nach Alter(sabstand) des Pflegekindes nehmen leibliche Kinder teilweise neue, für sie ungewohnte Positionen in der Geschwisterreihe ein, welche zu Irritationen und Unsicherheiten bezüglich des eigenen Handelns führen (Helming 2014) und sich auf den alltäglichen Umgang mit dem Pflegekind sowie auch auf die Beziehung zu den eigenen Eltern auswirken kann. Hier neigen leibliche Kinder im Bewusstsein um die teils enormen Belastungen durch das Pflegekind nicht selten dazu, ihre Eltern durch Rücknahme eigener Bedürfnisse entlasten zu wollen (Hopp 2016; Bürger 2002).

Konfrontation mit der schwierigen Lebenswelt der Pflegekinder und der besondere Bedarf an Zuwendung

Mit Aufnahme eines Pflegekindes in die Familie werden häufig schwierige Themen an die Familie herangetragen, welche sich unter anderem durch höchst auffälliges Verhalten des Pflegekindes bemerkbar machen. Dies bedarf der besonderen und vermehrten Aufmerksamkeit der Pflegeeltern, was bei den leiblichen Kindern Gefühle der Eifersucht und des Alleingelassen-Werdens auslösen kann (Zwernemann 2014). Aus Angst vor der weiteren Überforderung der Eltern bleiben leibliche Kinder jedoch mit ihren Problemen für sich und fühlen sich von anderen oft nicht verstanden. Vor allem im Umgang mit Themen wie Vernachlässigung oder Missbrauch benötigen leibliche Kinder jedoch besondere Unterstützung und viel Zuwendung durch die eigenen Eltern (Bürger 2002; Harder 2014), welche allerdings im Alltag die Bedürfnisse ihrer Kinder übersehen.

Einblicke in die Erfahrungen von leiblichen Kindern

Die Erfahrungen, die leibliche Kinder im Zusammenleben mit Pflegekindern machen können, konnten innerhalb einer Studie im Rahmen der genannten Bachelorarbeit „Leibliche Kinder in Pflegefamiliensettings“ mittels leitfadengestützter narrativer Interviews zusammengetragen werden. Es wurden zwei Interviews geführt, welche anschließend mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse anhand der oben aufgeführten Problemfelder ausgewertet wurden. Dabei konnten spannende Erkenntnisse über die Erlebnisse der beiden Interviewpartnerinnen (Bella und Claudia), die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen, gewonnen werden.

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Da viele Pflegekinderdienste und die darin arbeitenden Sozialarbeiter*innen in ihren Fallzahlen überlastet sind und der Extrablick für die leiblichen Kinder in den Familien so zusätzlich erschwert wird, wäre die Kooperation mit anderen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen zur Unterstützung und Begleitung der leiblichen Kinder denkbar. Erziehungsberatungsstellen etwa könnten den Pflegeeltern zur Seite stehen und ihnen wertvolle Tipps für den Alltag mitgeben.

An erster Stelle steht jedoch der verstärkte Blick für und größeres Wissen über die leiblichen Kinder und deren Bedürfnisse in der Familie. Dies kann nur durch vermehrte Auseinandersetzung mit dem Thema sowie weitere empirische Forschung bewirkt werden. Schließlich sind die Erfahrungen von Bella keineswegs als Einzelfall zu betrachten – die, wie sie selbst sagt „Dunkelziffer“ von belasteten leiblichen Kindern muss dringend aufgedeckt und behoben werden.

Autorin: Melanie Arns, Studentin im Master Sozial- und Organisationspädagogik, Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik

Die verwendeten Zitate entstammen Interviews mit leiblichen Kindern aus Pflegefamiliensettings, die im Rahmen der Bachelorarbeit „Leibliche Kinder in Pflegefamiliensettings“ (2016), welche Grundlage dieses Artikels ist, geführt wurden. Die Bachelorarbeit wurde an der Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik eingereicht. Zur besseren Lesbarkeit sind die Zitate geglättet.

Literatur: ...

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Erstveröffentlichung: Das Referat erschien im "Forum Erziehungshilfen" herausgegeben von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGFH), Ausgabe 3-2017